Dugarun :: Forenübersicht :: Registrieren :: Anmelden

NAME:  speichern
 P455W0R7:   
 
   
 
zurück zum Forum
Memversuche
Sehr geehrte Fahrgäste...
1 / 1 antworten

Akareyon

Sehr geehrte Fahrgäste... (verfasst: Dienstag, 24. Februar 2004, 16:40) #

Eben noch hatte ich in Schwelm West gesessen. Schwelm West, das ist ein kleiner S-Bahnhof, dem der Fahrkartenautomat fehlt, weil ihn ein entfernter Bekannter von mir mal demoliert hatte und er später von irgendwelchen anderen Leuten mit einer langen Kette und einem PS-starken Pickup quer über die B7 geschliffen worden war. Und fast würde auch der kleine Stempelautomat fehlen, der da auf einem Vierkantstahl thront; es gab nämlich mal einen besonders kalten und nassen Tag diesen Winter, da fuhr die S-Bahn einfach durch und auch die nächste verspätete sich eine Viertelstunde, weshalb leicht kafkaesk anmutende Gewaltphantasien durch meinen Kopf mäandert waren, wobei jene inhalts erheblicher Sachbeschädigungen noch die paradiesischste von allen war.

  Ich hatte also dort gesessen, Start- und Zielpunkt meines üblichen Arbeitsweges mit der S8. Es war halb vier, ich wollte nach Hause, ich war seit vier Uhr morgens wach und hatte Überstunden machen müssen, weil mein Chef, der eigentlich übernehmen sollte, im allerletzten Moment noch einen Vertreter empfangen hat; mit anderen Worten: ich war müde. Es würde über W'tal Langerfeld gehen, von dort nach Oberbarmen, Barmen, Unterbarmen, und dann käme ich nach rund vierzehn Minuten in W'tal Hbf, Stadtteil Elberfeld, an und könnte mich in mein sehnsüchtig wartendes Kissen kuscheln, ein Kippchen rauchen und 'ne Mütze Schlaf nehmen.

  Aber es war anders gekommen. Kurz nach Langerfeld hatte der Zug mitten in der Walachei gehalten, und der Lokführer gab nuschelnd bekannt: "Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund eines Personenzwischenfalls zwischen Wuppertal Oberbarmen und Wuppertal Elberfeld kann es zu erheblichen Verzögerungen kommen." Ich seufzte, zog meine Bomberjacke aus, legte mein Pali zusammengeknüllt unter den Schädel und die Jacke auf den gegenüberliegenden Sitz, um sanktionsungefährdet die Füße hochlegen zu können. Dann halt Mütze Schlaf ohne Kippchen und Kissen.

  Personenzwischenfall. Ich hatte mich mal mit den Jungs vom Sicherheitsdienst unterhalten, die meist Abends durch den Zug gehen und aufpassen, daß niemand vergewaltigt wird, was aber fast nie passiert und sie dazu zwingt, wenigstens mit Ermahnungen zum Füße-vom-Sitz-Nehmen und Zeitungenzusammenfalten nützlich auszusehen. Es gibt "Lokschäden", sagten sie, und "Personenschäden". Diese Selbstmordattentäter im Terrorkampf wider die deutsche Pünktlichkeit und Disziplin sind dann verantwortlich für die ständigen Verspätungen der Bahn, wie der Mehdorn mal meinte. Man witzelte ja mal Kabaret-übergreifend, er hätte Ursache mit Wirkung verwechselt: die werfen sich vor den Zug, weil die Bahn andauernd zu spät kommt.

  Der Zug ruckte an und fuhr kurz darauf in Oberbarmen ein. "Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund eines Personenzwischenfalls zwischen Wuppertal Oberbarmen und Wuppertal Elberfeld kann es zu erheblichen Verzögerungen kommen." Jaja, schon klar. Macht hinne, kann doch nicht so schwer sein, den ganzen Schmodder aufzuwischen. Zehn Minuten später: "Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund eines Personenzwischenfalls zwischen Wuppertal Oberbarmen und Wuppertal Elberfeld endet dieser Zug hier und fährt zurück nach Dortmund." Na, vielen Dank für das Gespräch.

  In Oberbarmen wenigstens fängt die Schwebebahn an und fährt mich bis fast vor die Haustür. Ich machte mir während der Fahrt Gedanken um meinen Zynismus. Es könnte ein tragischer Unfall gewesen sein. Und wenn nicht: was bewegt einen Menschen dazu, sich von der Brücke vor einen Zug zu schmeißen? Wieviel muß passieren, daß...? Okay, Gedanken an Suizid werden den wenigsten Menschen fremd sein, ab und zu denkt man schon nach... doch ab welcher Stelle hakt der Selbstschutzmechanismus aus, wann werden Verzweiflung oder Trauer oder Angst oder sonstige Gefühlswallungen so stark, daß man den Gedanken wirklich in die Tat umsetzt - und zwar nicht still und heimlich für sich hin mit Fön in der Badewanne oder einer Anstaltsration Schlaftabletten, sondern mit Wucht und Elan in aller Öffentlichkeit bei Tageslicht? Was ist der allerletzte Gedanke in diesem Bruchteil einer Sekunde, in dem man fällt und man realisiert: es gibt kein Zurück? "Obwohl, eigentlich... naja, egal, nu is zu spät..."? Davor würde ich mich noch am allermeisten fürchten.

  Kurz nach Barmen, Richtung Unterbarmen, stand ein ICE. Ich sah es zufällig vom Fenster der Schwebebahn aus. Ich hatte schonmal in Oberbarmen die Notbremsung eines ICEs mitbekommen, und die Dinger lassen sich echt Zeit, bis sie stehen. Ich schätze, es war die Bahn, die mir in Schwelm West bei der Durchfahrt noch aufgefallen war, und sollte das stimmen, steigert sich der Unappetitlichkeitsfaktor der ganzen Geschichte noch ein wenig, denn der sonst so aerodynamisch wie ein Vibrator wirkende Bug des Flaggschiffs deutscher Schienen war mir dadurch aufgefallen, daß er geöffnet war und die Kuppelanlage vorstand. Da kann sich leicht eine Menge Fleisch drin verheddern. Ich dachte an den Lokführer. Der Mann (oder die Frau) tat mir leid. Ich weiß aus Erzählungen, daß so ein Vorfall echt fertig für's Leben macht; viele berufsunfähig werden durch so eine Scheiße.

  Als ich am Döppersberg ausstieg, hörte ich Gepöbel. Ein ca. 30jähriger indischen Aussehens, gepflegt mit Krawatte und Aktentasche, rannte an mir vorbei, drehte sich um und zeigte vier 20jährigen Poppern aus sicherer Entfernung den Mittelfinger, als diese was rumbrüllten von wegen "Scheißausländer" und "das ist mein Land." Sollte ich was sagen, Streit provozieren? Ich ging etwas schneller, zugegeben, ich hatte Schiß. Ich war noch weit von denen entfernt, als eine junge Türkin zurückbrüllte "Scheißnazis!". Einer von denen schien sie sich krallen zu wollen, und wenn die wirklich handgreiflich werden wollten, zu viert gegen die Kleine, würde ich dabei sein. Sie hatte, sah ich dann, ihren Freund dabei, das könnte was geben... die meisten Passanten der überfüllten Bahnhofsunterführung taten so, als würden sie nichts sehen und nichts hören.

  Die Popper hatten es anscheinend selber eilig und liefen schließlich in eine andere Richtung. Ich ging an der Frau vorbei, sagte nur "gut gemacht" und grinste sie an. Sie erschrak erst, grinste dann zurück und meinte plötzlich: "Wir kennen uns doch!" - "Echt?" - "Klar, von der Tanke. Schwelm, oder?" - "Stimmt." Normalerweise bilde ich mir ein klein wenig was darauf ein, sowas wie eine Lokalberühmtheit zu sein, aber ich kam mir in dem Moment - und jetzt noch - vor wie ein feiges Arschloch, weil ich nicht gleich "Nieder nieder nieder!" gebrüllt habe. Ich sah keine farbigen Iros, Dreads oder Rucksäcke mit "Wizo"-Aufnäher. Es ist nicht weit her mit der Zivilcourage, wenn es darum geht, ganz alleine zu provozieren. Aber ich weiß eines: wäre irgendwer handgreiflich geworden, ich wäre mittendrin gewesen. Das rettet mich vor meinen Schuldgefühlen.

  Wie das Leben halt so spielt. Ich werde mich jetzt meines Kissens annehmen, ein Kippchen rauchen und eine Mütze Schlaf nehmen.


antwort mit zitat
   antworten



schreiben
antworten
umfragen
bearbeiten
löschen
moderieren

Obligates
Palantír
Tandaradei
Ex Libri
Film und Bild
In taberna quando sumus
Verweise

Dugarun
Memversuche




Nehmen wir an, daß eine kleine monochromatische Lichtquelle Licht ausstrahlt auf einen schwarzen Schirm, der zwei kleine Löcher hat. Die Durchmesser der Löcher brauchen nicht viel größer zu sein als die Wellenlänge des Lichtes, aber ihr Abstand soll erheblich größer sein. In einigem Abstand hinter dem Schirm soll eine photographische Platte das ankommende Licht auffangen. Wenn man dieses Experiment in den Begriffen des Wellenbildes beschreibt, so sagt man, daß die Primärwelle durch beide Löcher dringt. Es wird also zwei sekundäre Kugelwellen geben, die von den Löchern ihren Ausgang nehmen und die miteinander interferieren. Die Interferenz wird ein Muster stärkerer und schwächerer Intensitäten, die sogenannten Interferenzstreifen, auf der photographischen Platte hervorbringen. Die Schwärzung der photographischen Platte ist im Quantenprozeß ein chemischer Vorgang, der durch einzelne Lichtquanten hervorgerufen wird. Daher muß man das Experiment auch in der Lichtquantenvorstellung beschreiben können. Wenn es nun erlaubt wäre, darüber zu sprechen, was dem einzelnen Lichtquant zwischen seiner Emission von der Lichtquelle und seiner Absorption in der photographischen Platte passiert, so könnte man in derfolgenden Weise argumentieren. Das einzelne Lichtquant kann entweder durch das erste oder durch das zweite Loch gehen. Wenn es durch das erste Loch geht und dort gestreut wird, so ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß es später an einem bestimmten Punkt der photographischen Platte absorbiert wird, davon unabhängig, ob das zweite Loch geschlossen oder offen ist. Die Wahrscheinlichkeitsverteilung auf der Platte muß die gleiche sein, als wenn nur das erste Loch offen wäre. Wenn man das Experiment viele Male wiederholt und alle die Fälle zusammenfaßt, in denen das Lichtquant durch das erste Loch gegangen ist, so sollte die Schwärzung der photographischen Platte dieser Wahrscheinlichkeitsverteilung entsprechen. Wenn man nur die Lichtquanten betrachtet, die durch das zweite Loch gegangen sind, so sollte die Schwärzungsverteilung jener entsprechen, die man aus der Annahme enthält, daß nur das zweite Loch offen war. Die Gesamtschwärzung sollte also genau die Summe der Schwärzungen in beiden Fällen sein; in anderen Worten, es sollte keine Interferenzstreifen geben. Aber wir wissen, daß dies falsch ist, und das Experiment wird zweifellos die Interferenzstreifen zeigen. Daraus erkennt man, daß die Aussage, das Lichtquant müsse entweder durch das eine oder durch das andere Loch gegangen sein, problematisch ist und zu Widersprüchen führt. Man erkennt an diesem Beispiel deutlich, daß der Begriff der Wahrscheinlichkeitsfunktion nicht eine raum-zeitliche Beschreibung dessen erlaubt, was zwischen zwei Beobachtungen geschieht. Jeder Versuch, eine solche Beschreibung zu finden, würde zu Widersprüchen führen. Dies bedeutet, daß schon der Begriff 'Geschehen' auf die Beobachtung beschränkt werden muß. Das ist allerdings ein sehr merkwürdiges Resultat, das zu zeigen scheint, daß die Beobachtungen eine entscheidende Rolle bei dem Vorgang spielt und daß die Wirklichkeit verschieden ist, je nachdem, ob wir sie beobachten oder nicht.

Werner Heisenberg (Physik und Philosophie, Frankfurt 1973, S. 34 f.)






[ powered by phpBB 2 | Impressum ]