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Die Hure
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Akareyon

Die Hure (verfasst: Montag, 8. März 2004, 0:08) #

Es gibt da eine Hure. Man wartet einige Zeit allein und gedankenverloren in einem abgedunkelten, sehr angenehm eingerichteten Raum, dann geht man durch einen schmalen Gang und wird von ihr begrüßt. Sie nimmt einem die Jacke ab und wirft sie weg. Man weiß nicht so recht, ob sie Make-Up trägt oder nicht.

  Die Hure behandelt alle Freier unterschiedlich. Sie nimmt auch Frauen. Von manch einem läßt sie sich wie im Rausch durchorgeln, und dann schmeißt sie ihn raus. Anderen gegenüber ist sie großzügiger, sie läßt einen an ihrem Busen einschlafen oder es dauert nach dem Akt noch ein Weilchen, bis sie einen in die Kälte entläßt. Dann hält sie noch ein wenig Smalltalk und raucht eine Zigarette mit ihrem Gast.

  Bei einigen ist sie sehr kreativ, sie verwöhnt ihren Gast mit allem, was sie hat; sie trinkt Champagner aus brilliantbesetzten Schuhen oder verkleidet sich als Kätzchen. Andere wiederum behandelt sie lieblos, teilnahmslos läßt sie irgendein Standardprogramm über sich ergehen oder speist ihren Freier mit einer einfachen Nummer ab. Von manchen läßt sie sich quälen, auspeitschen und vergewaltigen. Einige läßt sie kaum an sich heran, oder sie beläßt es bei ein paar Streicheleinheiten - oder auch einer angenehmen Massage. Manchmal läßt sie einen gar nicht zu sich. Und manchmal wiederum, da strippt sie, scheinbar endlos ewig, und man fragt sich, ob und wann es denn endlich losgeht. Oder sie sieht gemütlich zu, wie man es sich selbst berührt. Einigen gewährt sie jeden Wunsch, manchmal mit aller Hingabe und Wärme, von der man jedoch nie weiß, ob sie echt ist. Und manch einer ist so enttäuscht von ihr, daß er sich entweder heimlich fortstiehlt oder wütend die Tür hinter sich zuschmeißt.

  Sie nimmt dennoch von allen den gleichen Preis; jeder muß das gleiche zahlen, wenn er geht. Egal, wie lange er bei ihr war, und was er dafür bekommen hat.

  Wir alle sind ihre Freier. Das Leben ist eine Hure.

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Für Zora Guevara, Mari, Nogead, Logan, Duracan und Etti. Ich liebe Euch.


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Nehmen wir an, daß eine kleine monochromatische Lichtquelle Licht ausstrahlt auf einen schwarzen Schirm, der zwei kleine Löcher hat. Die Durchmesser der Löcher brauchen nicht viel größer zu sein als die Wellenlänge des Lichtes, aber ihr Abstand soll erheblich größer sein. In einigem Abstand hinter dem Schirm soll eine photographische Platte das ankommende Licht auffangen. Wenn man dieses Experiment in den Begriffen des Wellenbildes beschreibt, so sagt man, daß die Primärwelle durch beide Löcher dringt. Es wird also zwei sekundäre Kugelwellen geben, die von den Löchern ihren Ausgang nehmen und die miteinander interferieren. Die Interferenz wird ein Muster stärkerer und schwächerer Intensitäten, die sogenannten Interferenzstreifen, auf der photographischen Platte hervorbringen. Die Schwärzung der photographischen Platte ist im Quantenprozeß ein chemischer Vorgang, der durch einzelne Lichtquanten hervorgerufen wird. Daher muß man das Experiment auch in der Lichtquantenvorstellung beschreiben können. Wenn es nun erlaubt wäre, darüber zu sprechen, was dem einzelnen Lichtquant zwischen seiner Emission von der Lichtquelle und seiner Absorption in der photographischen Platte passiert, so könnte man in derfolgenden Weise argumentieren. Das einzelne Lichtquant kann entweder durch das erste oder durch das zweite Loch gehen. Wenn es durch das erste Loch geht und dort gestreut wird, so ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß es später an einem bestimmten Punkt der photographischen Platte absorbiert wird, davon unabhängig, ob das zweite Loch geschlossen oder offen ist. Die Wahrscheinlichkeitsverteilung auf der Platte muß die gleiche sein, als wenn nur das erste Loch offen wäre. Wenn man das Experiment viele Male wiederholt und alle die Fälle zusammenfaßt, in denen das Lichtquant durch das erste Loch gegangen ist, so sollte die Schwärzung der photographischen Platte dieser Wahrscheinlichkeitsverteilung entsprechen. Wenn man nur die Lichtquanten betrachtet, die durch das zweite Loch gegangen sind, so sollte die Schwärzungsverteilung jener entsprechen, die man aus der Annahme enthält, daß nur das zweite Loch offen war. Die Gesamtschwärzung sollte also genau die Summe der Schwärzungen in beiden Fällen sein; in anderen Worten, es sollte keine Interferenzstreifen geben. Aber wir wissen, daß dies falsch ist, und das Experiment wird zweifellos die Interferenzstreifen zeigen. Daraus erkennt man, daß die Aussage, das Lichtquant müsse entweder durch das eine oder durch das andere Loch gegangen sein, problematisch ist und zu Widersprüchen führt. Man erkennt an diesem Beispiel deutlich, daß der Begriff der Wahrscheinlichkeitsfunktion nicht eine raum-zeitliche Beschreibung dessen erlaubt, was zwischen zwei Beobachtungen geschieht. Jeder Versuch, eine solche Beschreibung zu finden, würde zu Widersprüchen führen. Dies bedeutet, daß schon der Begriff 'Geschehen' auf die Beobachtung beschränkt werden muß. Das ist allerdings ein sehr merkwürdiges Resultat, das zu zeigen scheint, daß die Beobachtungen eine entscheidende Rolle bei dem Vorgang spielt und daß die Wirklichkeit verschieden ist, je nachdem, ob wir sie beobachten oder nicht.

Werner Heisenberg (Physik und Philosophie, Frankfurt 1973, S. 34 f.)






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