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Blutige Verantwortung
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Akareyon

Blutige Verantwortung (verfasst: Dienstag, 13. Mai 2003, 13:30) #

ACHTUNG! Bitte lesen Sie nur weiter, wenn Sie über sechzehn sind und sich auch durch extreme Gewaltdarstellungen nicht mehr beeindrucken lassen.























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(HalfLife - Opposing Force)

  Das Gefährliche an 3D-Ego-Shoot'em-Ups ist nicht die Gewaltdarstellung, sondern dieser perfid-subtile Sarkasmus...

  Doch worum soll es wirklich gehen? 1957 brachte der Franzose Albert Lamorisse ein Brettspiel mit dem Namen "Risiko" heraus, viele der geschätzten Leser werden es kennen und sich beim Studium des Regelbuches darüber gewundert haben, warum die "Länder" dieses Kriegsspiels nicht erobert oder besiegt, sondern befreit werden. Das ist schnell erklärt: dies war eine notwendige Änderung, denn sonst wäre das Spiel auf dem Index für jugendgefährdete Schriften geblieben. Allein die Terminologie einzelner Aktivitäten, nicht die Idee oder das Grundprinzip des Spiels (nämlich Krieg) sorgten für ein Urteil.

  Noch eine andere Geschichte: als das Kultspiel "Maniac Mansion" für das NES umgesetzt werden sollte, wurde die Story fast total zersägt - denn das Spiel mußte vorher Nintendo-konform gemacht werden. Deswegen fehlt dem Tentakel das "Disco sucks"-Poster, im Zimmer von Cousin Ted hängen keine mumifizierten Pin-Up-Girls mehr. Und Schwester Edna macht keine anzüglichen Sprüche mehr... "'Kill' is the baddest word", ließ Nintendo ausrichten - nur zur Erinnerung: das ist der Verein, bei dem ein kleiner Supermario durch seine Welten läuft und mithilfe von Feuerbällen und anderem Gerät massenhaft Schildkröten und Ameisen tötet...

  Was hat sich seitdem geändert? Schauen wir uns Spiele wie Hidden & Dangerous in der deutschen Version an: ein Gegner wird, wie es in meinem Bekanntenkreis heißt, "verrucksackt": anstatt einer Leiche fällt ein Rucksack auf den Boden. "Mama, was passiert, wenn Opa stirbt?" - "Er wird ein Rucksack, mein Sohn." - "Und was passiert, wenn ich sterbe?" - "Du wirst ein besonders schöner 4YOU-Rucksack."

  Erschiessen wir in HalfLife einen Wissenschaftler oder sonstigen menschlichen Gegner, setzt er sich auf den Fußboden und schüttelt den Kopf. Prügeln wir weiter auf ihn ein, verblaßt er und verschwindet, während Alien-Viehzeuchs sich in Zahnräder und Federn auflöst. Auch in Counter-Strike haben die Models der deutschen Version nur eine Sterbe-Sequenz: hinfallen, Kopf schütteln, verschwinden. Halten wir die Original-Version dagegen: Kopf-, Bauch-, Rücken- und Beinschüsse erhalten ihre eigene Sequenz, Blut spritzt und klebt an den Wänden, harhar, da macht Töten Spaß. Nicht zu vergessen ist der Schalter in der Konfiguration, die es amerikanischen Eltern erlaubt, die Kindersicherung einzuschalten: die seichte Soft-Core-Version, die hierzulande Standard ist, ist dort nur pflichtbewußtes Beiwerk.

  Das alles im Sinn schauen wir uns ein paar Kinofilme an. Zum ersten wäre da "The Lord Of The Rings" von Peter Jackson: ein Uruk-Hai verliert den Kopf, weil er seinen Kopf verliert, und schon sprudelt etwas arterielles Blut aus dem Hals (dafür, daß der ganze Film verdammt schnell geschnitten ist, sehen wir diese Szene sehr lange und ausführlich, finde ich). Dann wäre da "Event Horizon" - ich weiß nicht, irgendwie hatte ich keine Erwartung an den Film, wollte ihn bloß mal sehen (hatte auch noch nie etwas über ihn gehört). Nahm sich ja zunächst auch sehr vernünftig aus, First-Grade-SciFi, wie Asimov sagen würde: sehr glaubwürdig, bis man Laurence Fishburne in seiner "Lewis & Clark" sieht, wo er sich genauso benimmt wie auf der "Nebuchadnezzar" (und die Mannschaft auch extrem ähnlich ist). Und bis ich diesen Gravitonen-Kern gesehen habe. Aber da habe ich noch gedacht, "naja okay, irgendwie muß er ja dargestellt werden, vielleicht ist es bloß ein filmisches Mittel, symbolisch für etwas nicht darstellbares" oder so. Wäre der Film von da an nicht so schlecht gewesen, hätte man einiges an philosophischen Anspruch rausholen können, aber nö, wir beschränken uns auf Splatter-Szenen, Schock-Schnitte und Gähn-Grusel. Eine durchgefrorene Leiche zerbricht - kein hübscher Anblick. Eine halbnackte Frau geistert mit leeren Augenhöhlen durch den Film - lecker. Und schließlich werden wir, oh Jubel, oh Freude, mit Bildern wie diesem beeindruckt - jedes nur ungefähr drei bis vier Frames lang, das sind Bruchteile von Sekunden:

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(Event Horizon)

  Wollen wir sowas sehen? Kenner und Fans des Films werden sagen, daß ja irgendwie das höllische Grauen dargestellt werden mußte...

  Moment: warum hat sich dann jeder über den Film "The Cell" aufgeregt? Ich habe Kritiken gelesen, in denen gesagt wurde: "Der Film ist was für Sadisten, die sehen wollen, wie Frauen auf jegliche Art und Weise zu Tode gequält werden." Ich habe genau aufgepaßt: die eigentliche Darstellung der körperlichen Gewalt gegen Menschen beschränkte sich auf den fulminanten Abgang des Bösewichts und das Aufwickeln des Gedärms dieses Agent something - und nehmen wir noch die Wasserzelle dazu, wenn es sein muß. Alles andere waren Bilder, die sich der Zuschauer selbst zusammengebastelt hat, eigene Ängste, interpoliert aus den relativ kurzen Szenen, in denen j-Lo durch dieses grauslige Puppenkabinett läuft. Und was haben wir denn an wirklich ekelhaften Dingen gesehen außer der fast wissenschaftlich interessanten Sektion des Pferdes (da war sogar "Anatomie" mit Franka Potente übler!)? Hmm.... ich würde behaupten, der Rest waren kafkaesk-fiese Bilder, mit der Faszination gigerscher Ästhetik und einigen coolen Winamp-Visual-Plugins. Der Film wollte keine Geschichte erzählen, sondern Bilder zeigen. Nicht mehr und nicht weniger.

  Die Neugier des Menschen will befriedigt werden - Filme müssen in letzter Zeit alles zeigen. Der Balrog in "The Lord Of The Rings" wurde perfekt modelliert und animiert, während in der Zeichentrick-Version wohl kaum etwas von ihm zu sehen ist. In "Event Horizon" beobachten wir einen Menschen bei der Dekompression im Vakuum, während die Szenen in "Total Recall" eher bizarr und irreal aussehen und früh genug abgebrochen werden. Ich finde, daß ein Film, der vorenthält, viel mehr Reiz hat, zum Beispiel "seven": wir sehen das "Sloth"-Opfer und das "Gluttony"-Opfer. Bereits die "Pride"- und "Greed"-Opfer sind gar nicht richtig zu erkennen (na los, mal ehrlich: wer hätte gern die Nase gesehen?), das "Lust"-Opfer haben wir sogar nur auf einem Foto gesehen, und idealerweise hat sich der Regisseur sogar komplett verkniffen, das vorletzte ("Envy"-)Opfer (Auslöser für den "Wrath"-Mord) zu zeigen. Anderes Beispiel: der Film "Cube" - der Reiz besteht darin, nicht den Urheber zu kennen, zu sehen oder gar bekämpfen zu können.



  Fazit: Dinosaurierforscher sollten nicht versuchen, Hyperraumfahrzeuge zu basteln, weil das kann eklige Konsequenzen haben, man weiß nie, wo das Schiff landet. Vielleicht war es im Kino und hat the Cell gesehen und verkehrt interpoliert, oder sich das Sloth-Opfer aus seven zu genau angesehen. Das kann ich auch, hat es sich gedacht, und zerstörte Fishburnes Raumschiff - aber er hat ja noch die Nebuchadnezzar, und mit der entschwindet er eilends, hackt sich in die Matrix und zockt mit den Boyz aus der Hood gegen Robin ein paar Runden Counter-Strike.


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