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Palantír
Der Ismus
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Akareyon

Der Ismus (verfasst: Donnerstag, 29. Dezember 2011, 17:06) #

Alle Agenten ziehen gleichzeitig ihre Waffen, schießen. Er streckt die Hand aus, die Kugeln bieiben mitten in er Luft vor ihm hängen. Er sucht sich eine aus, nimmt sie zwischen die Finger, betrachtet sie; alle anderen Projektile fallen lotrecht zu Boden.

  Daß man zuweilen einen erzählt bekommt, wenn man sich gegen die winterliche Kälte mit einer Kufiya als Halstuch schützt, das sei ja eindeutig (oder zumindest viel zu mehrdeutig) ein "antisemitisches" Symbol (als ob man mit der Nationalflagge des Großdeutschen Reiches rumwedeln würde), daran gewöhnt man sich ja mit der Zeit.
  
  In den letzten Wochen wurde ich aber wiederholt mit dem Vorwurf konfrontiert, Positionen zu vertreten, die "strukturell antisemitisch" seien. Mir in aller Deutlichkeit und Öffentlichkeit eines Diskussionsforums zu sagen, ich sei ein Antisemit, dazu war man freilich zu vorsichtig, doch da es Schnittmengen zwischen meiner Auffassung der Realität und jener des Faschismus gebe beziehungsweise, da einiges von dem, was ich sage, auch von Anhängern nationalsozialistischer Ideologien gesagt wird, solle ich doch besser meine Meinung bezüglich der jeweiligen Thematik überdenken, hieß es.
  
  Ich war ganz baff, ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte und hab überlegt, wie man jetzt kurzerhand beweisen kann, daß man gar kein Antisemit ist. Man begibt sich bei so einem Angriff natürlich normalerweise erstmal in Abwehrhaltung, bevor man merkt, etwas ontologisch unmögliches beweisen zu sollen: die Nichtexistenz von etwas; man kennt das ja auch schon aus öffentlichen Diskussionen, da sagt dann der eine "ich bin selbst Vierteljude, der Vater des Onkels meines Kindes war selbst im KZ" und der andere "Judentum ist keine Frage der Bruchrechnung" und recht hat er ja auch (geht doch keinen an, zu welchen fünfundsechzigtausendfünfhundertsechsunddreißigsten Teil ich Mongole bin und so einen kleinen Klingonen in mir hab - in jedem Fall bin ich 100% Adam!), und daß ich Havah Nagila voll toll find, güldet wohl auch nicht jetzt.
  
  Aber man ist ja trotzdem in der Bringschuld. Wie entgegnet man als Goy, oder sagen wir, als Mensch, eristischer Dialektik, Rabulistik, Broderana und Friedmanniana? Vielleicht, indem man zu bedenken gibt, daß man ob seiner urchristlichen Erziehung und des sonstigen Einflusses des Judentums auf die Kunst, die Werte und die Philosophie seiner Zeit im Grunde selbst auch ein bisschen Jude ist und die jüdische Kultur daher gar nicht sinnvollerweise für geringer als die anderen eurasischen, die präkolumbische, afrikanische oder australische achten kann? Näee, auch nicht, ne...? Ich hab's: ohne Juden kein Judentum, kein Shin, keine Kohanim, kein Leonard Nimoy, kein Spock, kein vulkanischer Gruß. Also, wenn das nicht zieht...

  So kam ich zu den Gedanken: warum überhaupt darauf eingehen? Für sich genommen ist die Logik doch vollkommen verquer. Adolf Hitler - nehmen wir mal den "bösesten" Menschen, der uns meistens einfällt, und weil's zum Thema passt - höchstpersönlich war bekanntermaßen äußerst tierlieb, Vegetarier, Fan von Walt Disney und hat gern Kinder geknuddelt; daraus folgt offensichtlich nicht, daß man nur durch den Verzehr von Leichenteilen, die Ablehnung von Zeichentrickmärchen und das Erschrecken von kleinen Kindern glaubhaft versichern kann, daß man nicht vorhat, aufgrund eines völkischen Überlegenheitswahns/Minderwertigkeitskomplexes den Film als Propagandainstrument zu mißbrauchen, die kleinen unschuldigen Kinder und niedlichen Tierchen in einen weltweiten Krieg zu hetzen oder mindestens sechs Millionen Menschen einzig aufgrund ihres vermeintlichen oder tatsächlichen Glaubens oder ihrer Volks- und Stammeszugehörigkeit in einem eigens dafür entworfenen industriellen Verfahren zu foltern und zu töten.

  Interessant ist darüber hinaus auch der Zusammenhang, in dem diese Vorwürfe verlautbart wurden. Einmal handelte es sich um eine Diskussion über das architektonische Versagen der einst höchsten Gebäude der Welt, also eine rein physikalisch-wissenschaftlich-mathematische Angelegenheit. Ein anderes Mal ging es im Zuge einer Finanzkrisen- und Geldsystemdebatte um einen systematischen Fehler in der Buchhaltung, also eine rein ökonomisch-wissenschaftlich-mathematische Angelegenheit.

  Es ging also in beiden Fällen nicht um Ideologien, sondern um Wissenschaft in ihrem klassischen Sinne: um Fakten, um Empirie, Reproduzierbarkeit, Falsifizierbarkeit und statistische Wahrscheinlichkeiten, reine Wertnennungen und ihre Auffälligkeiten ohne jede Spekulation. Oder, wie Ken Jebsen, ehemaliger RBB-Moderator, in seiner öffentlichen Stellungnahme reagierte, als er von Herrn Broder mit selbigem Vorwurf konfrontiert wurde:
  
  "Ich ein Antisemit?!?"
  
  Aber irgendwas muß ja dran sein an dem Vorwurf. Also erstmal bei Wikipedia gucken, da wird man von "Antisemitismus" direkt auf "Judenfeindlichkeit" umgeleitet und da steht:
  
Judenfeindlichkeit (auch Judenhass, Judenfeindschaft, gegebenenfalls Judenverfolgung) bezeichnet eine pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums.

  Von da aus wird dann unterschieden in den Antisemitismus des Mittelalters, den Antisemitismus bis 1945 und den Antisemitismus nach 1945. Kurz auf den Kalender geguckt: 2011, aha, also: nach 1945, und da steht wiederum:
  
Dieser Begriff steht dabei weiterhin für Formen pauschaler Judenfeindlichkeit, deren Vertreter Juden mit lange überlieferten und eingeübten Klischees und Stereotypen als übermäßig einflussreiches Kollektiv betrachten, für alle möglichen negativen Zeiterscheinungen verantwortlich machen und so bedrohen.

  Soso! Äh... hä? Ohne, über Wer und Warum zu spekulieren, und aus dem Offensichtlichen und Unbestreitbaren zu folgern, daß WTC 1, 2 und 7 und das gegenwärtige Finanzsystem mit einer Sollbruchstelle ausgestattet wurden, bedroht Juden? Da hat aber einer seine überlieferten Klischees und Stereotypen verdammt gut eingeübt!
  
  Und, und was ist dann überhaupt Semitismus, davon hört man so wenig...
  
Mit dem Ausdruck Semitismus bezeichnet man sprachwissenschaftlich eine Anleihe an Konstruktions- oder Ausdrucksweisen, wie sie in semitischen Sprachen üblich ist. Diese Verwendung ist analog z. B. zu Germanismus, Anglizismus usw. – von ungefähr 1860 bis ungefähr 1920 auch verwendet, um das „ausschließlich vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtete Judentum“ zu bezeichnen. [...] Darüber hinaus wurde der Ausdruck verwendet für „alle negativ bewerteten Komponenten der Moderne, für den Kapitalismus, die Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft und ihren pluralistisch-antagonistischen Charakter, das traditionskritische Literatentum, aufklärerische Ideen oder die ‚Veräußerlichung‘ der Zivilisation.“ Diese Entwicklung bildete den Hintergrund für die antijüdische Konstruktion eines „Geistes des Judentums“ z. B. bei Hegel und Junghegelianern, die das Judentum als „Selbstentfremdung“ des Menschen beschreiben, schließlich bei Karl Marx und den Frühsozialisten, die ihm einen „kapitalistischen Geist“ zuschreiben. [...] In dieser Verwendung bezieht sich der Ausdruck Antisemitismus auf die durch den Ausdruck Semitismus bezeichnete fiktive, antijüdische Konstruktion. Der Begriff Semitismus wird auch im Sinne einer Gesamtheit orientalischer Kultur gebraucht. (Hervorhebung von mir)

  Und das, wo ich so auf die orientalische Kultur stehe. Börek. Döner. Bauchtanz. 1001 Nacht. Der 13. Krieger. Jesus. Haschisch. Im Ernst! Im Ernst: Semitismus per se kann schon struktureller Antisemitismus sein. Alles klar?
  
  Nein?
  
  Mir auch nicht. Oder vielleicht doch: weil viele sich keinen Reim auf die Geschehnisse des 11. September 2001 machen können und/oder behaupten, "die Bänker von der Ostküste Amerikas" zögen an den Strippen der Weltwirtschaft und Weltpolitik - ein Vorwurf, der seit Jahrhunderten "dem Juden" galt und unter einigen Rückständigen noch immer gilt - und ich zufällig auch (wenn natürlich auch aus meist ganz anderen und, wie ich finde, gar nicht so total irrationalen Gründen (und in jedem Falle mit gänzlich von den Forderungen des Antisemitismus verschiedenen Schlußfolgerungen)) sage: "da stimmt was mit dem ganzen System und der Logik dahinter nicht, findet Ihr nicht auch, guckt doch mal" - deswegen bin ich ein Antisemit... strukturell wenigstens. Und sollte meine Meinung überdenken. Auweh, die Schmerzen, die Schmerzen!
  
  Und tatsächlich, einige "Komponenten" der sogenannten "Moderne" bewerte ich negativ - die moderne Kriegsführung mit ihren Schockdoktrinen zum Beispiel. Aber wer kann denn was gegen aufklärerische Ideen haben, mal im Ernst? Oder ist man dann vielleicht nur struktureller, aber nicht "richtiger" Antisemitist?

  Daß die Vertreter rückständiger und antiaufklärerischer Ideen vielleicht manchmal auch Dinge sagen, die - für sich genommen - durchaus vernünftig sind, damit ihrem wahnhaften "Ausländer raus"- und "die Juden sind an allem schuld"-Gefasel überhaupt noch zuhört wird (sozusagen als "Träger" der Hasspredigten), darauf ist anscheinend noch niemand gekommen. Man hat ja nicht 1949 das Verbot des Brotverzehrs ins Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland gemeisselt, weil nachweislich weit über 90% aller Nationalsozialisten, SS- und SA-Offiziere zumeist wenige Tage, oft gar unmittelbar vor ihren Gräueltaten 'ne Stulle gefuttert haben.
  
  Es ist doch so: die "Antisemitismuskeule" ist eine von diesen aufblasbaren von der Kirmes; sie nervt, sie ist bunt, sie tut aber nicht weh und irgendwann ist die Luft raus. Spätestens, seit selbst Noam Chomsky mit dem Label "Antisemit" belegt wurde für seine Kritik an der Aussenpolitik Medinat Jisra'els, ist klar, daß diejenigen, die so gedankenlos mit diesem Vorwurf umgehen, zuallerletzt im Sinn haben, eine Wiederholung des Holocausts zu verhindern - dem jüdischen Volk weltweit, allen anderen Minderheiten und dem Rest der Menschheit sozusagen einen Bärendienst erweisen. In aller Deutlichkeit: wenn irgendwann wirklich wieder die Öfen befeuert werden und dann einer sagt: "das ist aber antisemitisch!", wird man nur noch müde lächeln und sagen: "jaja, is klar, was denn noch alles?" Einen Menschen aus niederen Beweggründen zu töten, zu foltern, auch nur seiner Freiheit zu berauben ist eine Straftat. Viele Menschen zu töten, zu foltern oder auch nur einzusperren ist krank, dumm, pervers, abstoßend, widerwärtig. Doch wenn ganz viele Leute das tun, hagelt es plötzlich Entschuldigungen dafür und die Opfer sind selbst schuld, und wer was anderes sagt, muss wohl heimlich auf diese oder andere systemische Barbarismen stehen, und da fehlen einem einfach die Worte dann...
  
  Meine Meinung, nein, mein Traum - meiner ganz persönlich - ist, daß die Menschheit als Kollektiv, als Gesellschaft, jeder einzelne darin in naher Zukunft besser dran sein wird als jetzt, weil sowas einfach nicht mehr passiert. Keiner das mehr nötig hat. Oder auf die Idee kommt. Und ich glaube, daß es möglich ist, eine friedliche, gerechtete und freie Welt zu schaffen und zu kooperieren, weil niemand mehr Angst voreinander haben muß. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.
  
  Von daher bin ich auch dafür, mal nachzufragen, was die Schoah ermöglicht hat. Damit man daran arbeiten kann, daß es sich nicht wiederholt (darin liegt ja bekanntlich die Verantwortung unserer Generation ganz besonders). Mal leise nachzufragen, was man machen kann, wenn es eben doch wieder passiert, so wie  jetzt gerade zu diesem Zeitpunkt! Und, genau wie damals, ohne, daß irgendwer großartig entsetzt ist, sich aufregt und empört, protestiert, mit der Kraft des ohnmächtigen Zorns dem ein Ende bereitet oder zumindest in bittere, bittere Tränen über den Zustand seiner Welt und seine strukturelle Mitschuld daran ausbricht.

  Doch ausgerechnet diese Themen sind "tabu" - der 11. September war ein schreckliches Unglück und über Geld spricht man nicht...
  
  Seht! diesesmal sind es nicht nur die Semiten, sondern auch die Japhiten und ganz besonders die Hamiten, die durch Verhungernlassen systematisch vernichtet werden. Alle Söhne und Töchter Noahs sind grad fürchterlich am Arsch, werden eingesperrt, gefoltert und getötet. Ich protestiere dagegen! Was kann ich tun? Was muß ich tun? Was ist mit Euch? Soll ich lieber nix mehr sagen? Dann hört bitte auf zu lesen und vergeßt einfach alles.
  
  Ist okay.
  
  Ihr lest noch!

  Dann schreibe ich weiter.
  
  Nun heißt es, der Antisemitismus sei schuld an den Verbrechen der NS-Diktatur, und jetzt, da wir das wissen, ist es gut, auf alle Anzeichen von Antisemitismus zu achten und dieses Antikraut, diesen Parasiten schon im Keim zu ersticken und, wenn es dazu zu spät ist, mit Stumpf und Stiel auszurotten. Das klingt jetzt natürlich etwas hart, martialisch, aggressiv, zerstörerisch, ja, fast faschistoid, aber wir reden ja von einer Ideologie, einer Idee, einer Gedankenlehre, und da sind schon so viele von hops gegangen, da ist es um den Antisemitismus wirklich nicht schade, oder? Überhaupt, gehen wir die Ismen doch mal durch. Faschismus: kann weg. Nationalsozialismus: braucht auch keiner. Sozialismus, mal überlegen... *imgeschichtsbuchnachschlag* naja, isses auch nicht wirklich. Mal bei Wikipedia gucken, was es noch so an Ismen gibt...
  

~~~


  Freunde, ich möchte Euch nicht länger auf die Folter spannen, worum es in diesem Dugarun geht. Alle Ismen - alle ohne Ausnahme! - führen sich in sich selbst ad absurdum. Das ist eine einzige riesige Soße, und egal, wie tief man mit dem Löffel schöpft - es kommt nichts gutes heraus. Zu jedem Ismus gibt es immer noch ein Anti, sodaß man sozusagen eine riesige Ideologienmatrix vor sich hat, auf der man sich selbst und andere ideologisch verorten kann. Die Grundidee ist ja nicht schlecht, sozusagen statt Schubladen ein mehrdimensionales Feld aufzuspannen und dieses als Ablageraum zu verwenden, in dem einzelne Ismen größere, andere Ismen kleinere Räume einnehmen. "-ismus" wird sozusagen zum Wortstamm, und man kann jedes beliebige Präfix dranhängen. Kartoffel + Ismus = Kartoffelismus: die Lehre von der Überlegenheit der Kartoffel allem anderen Gemüse gegenüber. Siehe auch: Antikartoffelismus. Die Lehre, daß Kartoffeln soo toll nun auch wieder nicht sind - man empfehle Zwiebeln und viel Bewegung an der frischen Luft (Zwiebelismus ist bekanntlich strukturell dem Meteorismus zuzuordnen). Was für ein Erkenntnisgewinn!
  
  Allerdings offenbaren sich da schon die ersten Probleme, und zwar die der Relativität; denn alle Ismen stehen in irgendeiner Relation, einer Polarität, einem Kraftfeld zueinander. Will heißen, sie wurzeln im selben Raum, so widersprüchlich die Ismen untereinander (und zumeist in sich!) auch sein mögen. Die wenigsten Ismen haben klar definierte Grenzen, sondern wabern als diffuse Wolken durch den Hyperraum und werden ständig redefiniert und ohnehin von jedem anders begriffen. So sind der Antisemitismus und der Faschismus eng miteinander verknüpft, fraglos auch der Militarismus und viele andere Ismen (Zynismus!), zum Beispiel der Antizionismus - während dessen Gegenthese, der Zionismus, wiederum stark verknüpft mit genau denselben Ismen ist. Es gibt keine Eindeutigkeiten, nur Korrespondenz. So kann man zum Beispiel einen Juden des Antisemitismus beschuldigen, was zunächst widersinnig erscheinen mag, aber irgendwie doch dann wieder logisch wird, wenn man nur lange genug darüber spekuliert und debattiert. Im Gegenzug schützt die Proklamation des Antifaschismus selbst manch Autonomes Zentrum nicht davor, zu genuin faschistischen Mitteln zu greifen, um Andersdenkende auszugrenzen, zu diffamieren oder gar zu bedrohen (mit "Fahndungs"-Postern und "Steckbrief"-Aufklebern zum Beispiel. Wuppertal, komm klar!). Um es auf den Punkt zu bringen:
  
  der Ismus ist struktureller Antiistismus.
  
  Das ist nicht schlimm, denn ein Ideenfeld bringt niemanden um. Kein Ismus hat die sechs Millionen Juden Europas ihre Freiheit und ihr Leben gekostet. Menschen haben das getan. Menschen tun das. Durch Verschwörung, Mitwirkung, Beihilfe, Mitwissen und Unterlassung. Anhänger aller Ismen haben die Menschen getötet, bringen heute Menschen um und werden morgen Menschen töten, foltern und versklaven, wenn nicht bald was passiert. Gegenwärtig bringen die Anhänger von Kapitalismus, Faschismus und Neoliberalismus Millionen von Menschen um. Ismen sind austauschbar, doch sie alle scheinen potentiell tödlich, zumindest jedoch schädlich zu sein, sobald sie in Menschen zum Wirken kommen. Und sage bitte keiner "aber der Tour-Ismus!", dieser Vergewaltigung an Land, Volk und Kultur, sowohl der Besucher des Freigeheges wie seiner Ausstellungsobjekte! Die Schnittmenge mit dem Terror-Ismus ist kaum zu übersehen. Nicht der Terrorismus tötet, sondern der Terrorist, der den Terror auslösen will. Ismen sind nicht an sich oder einzeln praktizierbar, sondern wirken in Konstellationen und sind teilweise sogar hierarchisch gestaffelt. Und die einzige Gemeinsamkeit ist, daß es sich um Ismen handelt: unerfüllbare Idealvorstellungen, Schatten an der Wand der Höhle Platons. Damit keiner fragen muß, welche Angst, welche Motivation, welchen Hasses Feuer die Schatten wirft, vielleicht, und man mit der Nabelschau aufhören und auf die Ansagen derer, die sich "Freiheitskämpfer" nennen, eingehen müßte?
  
  Mit dem Ismus kommen wir offensichtlich nicht weiter, wenn wir wirklich etwas verändern und diese Welt in eine sowohl intelligentere als auch liebe- und gefühlvollere Richtung manipulieren wollen. Der Ismus verstümmelt unser Denken und tut unserem moralischen, logischen und seelischen Urteilsvermögen und letztlich der Welt Gewalt an. Er gaukelt eine Sphäre der (Meinungs)Freiheit und Unverletzlichkeit vor, die jedoch hierarchisch der Deutungshoheit einiger weniger "Experten" unterworfen ist und eifersüchtig gehütet wird. Ismus ist nie Mittel zur Leidlinderung, lediglich Abstraktion des Leids und Maßeinheit seiner Relationen. Ismus ist die Programmiersprache des Leids und der Angst, eines Ismusses sich schuldig zu machen und deswegen in irgendeinen Anti-Ismus zu flüchten und von dort aus "Moral high ground" zu proklamieren. Ismus ist Zwangsbedingung ohne Schwellenakzeptanz und die Ausrede, nichts tun zu müssen. Ismus schafft immer weitere Ismen, macht krank in der Birne und im Herzen und frißt sich selbst und die Welt auf. Ismus ist der Brei, der überkocht und nicht mehr aufhört und die ganze Welt unter sich begräbt. Ismus ist das liebliche Summen, das die Borg hören, wenn sie in ihrem Alkoven regenerieren, das Schlaflied, das ihre Königin ihnen vorsingt. Ismus ist das gebrochene Heilsversprechen. Ismus ist die Ratsche, mit der der erblindete und auf Schmerz konditionierte Drache in Gringotts in Schach gehalten wird, um die Schatzkammer mit dem verdoppelungszauberten Geschmeide und dem Horcrux zu bewachen. Ismus ist der Ring, der unsichtbar macht und jedesmal derbe flasht, aber auf Dauer ganz schön runterzieht. Ismus ist die Mutter, die ihr Kind tyrannisiert, indem sie immer besser zu wissen glaubt, was in ihm vorgeht. Ismus ist Agent Smith. Ismus ist Anakin Skywalkers berührungsloser Würgegriff. Ismus ist der Tod des Konsens, der Demokratie und der Win-Win-Strategie, da das spieltheoretische Regelwerk durch seine Betonung des Machtgefälles Win-Lose-Situationen erzwingt. Ismus ist Energieverschwendung.
  
  Denn wie beim Magnetismus gibt es irgendwann eine Sättigung. Der Magnetismus ist nur das Phänomen. Das Agens ist die Magnetisierung, das Feld Überträger der Kräfte.
  
  Vielleicht sollte man, folgerichtig, den Ismus an sich verbieten, ächten und unter Strafe stellen? Ich meine das nicht ganz ernst und sage das als ehemaliger Anhänger eines anderen Ismus, dem Pazifismus. Der Pazifismus tötet durch unterlassene Hilfeleistung, und wir schulden den Grünen Dank dafür, das im Zusammenhang mit dem Jugoslawien-Krieg in aller Deutlichkeit klargemacht zu haben (der Krieg war Scheiße und wie m.E. jeder militärische Konfliktlösungsversuch der falsche Weg, daran bitte nicht rumdeuteln, danke ;-). Ein jeder radikale und zuende gedachter Ismus ist der erste Schritt zu Shoah und Holocaust, zu Genozid und Weltuntergang, ein jeder gemäßigte Ismus der zweite Schritt - und der Weg ist bekanntlich nicht weit und so langsam ganz schön ausgelatscht. Eine Möglichkeit bestünde darin (Verbote bringen nichts und Sprachlenkungsversuche schlagen immer fehl), die gesamte Ismen-Matrix einfach zusammenzufalten und in die Ecke zu stellen.

  Lassen wir den Drachen frei, schmeißen wir den Ring zurück in den Feuerberg, aus dem er kommt - wir brauchen ihn nicht! Braucht kein Mensch. Und statt Mechanismus kann man auch Mechanik sagen (schon allein, um Stilblüten wie "[...] Die Mechanik verfügte über einen Mechanismus, bei welchem der Hammer [...]" zu vermeiden). Damit wären Sprache, Gedanken und Weltfrieden vielleicht schonmal zur Hälfte gerettet.
  
  Damit wir uns nicht falsch verstehen: als intellektuelle Spielwiese mag das Feld, "die Matrix", einen gewissen Wert und Reiz haben, um Positionen sophistisch (ähnlich den Regeln Ramon Lulls) durchzuspielen. In einer ernsthaften, zielgerichteten und konsensorientierten Debatte sollte man sich weder auf irgendeinen Ismus berufen noch irgendwen einen Isten schimpfen, denn man vermengt Glauben und Wissenschaft, Realität und Ideologie, Wahrheit und Auffassung. Denn der Antisemit-
ismus als Volksbewegung war stets, was seine Anstifter den Sozialdemokraten vorzuwerfen liebten: Gleichmacherei. Denen, die keine Befehlsgewalt haben, soll es ebenso schlecht gehen wie dem Volk. Vom deutschen Beamten bis zu den Negern in Harlem haben die gierigen Nachläufer im Grunde immer gewußt, sie würden am Ende selber nichts davon haben als die Freude, daß die andern auch nicht mehr haben.
  Max Horkheimer, Theodor W. Adorno - Dialektik der Aufklärung, Exkurs I: Odysseus oder Mythos und Aufklärung, (Hervorhebungen von mir)

  
  Aber jetzt bitte auch nicht versuchen, Ismen zu gebrauchen, ohne sie Ismus zu nennen. Es geht nicht um eine Sprachverlagerung, sondern eine Änderung der Denkweise. Also nicht Update Ismus V1.1b: "der da hat genau dasselbe gesagt, und das war ein böser Mensch, also bist du auch böse". Denn dann würde es ja reichen (wenn man etwas böses tun will, dem eine gute Idee entgegensteht), die beste aller Ideen auf ein Blatt Papier zu schreiben und von, sagen wir, Anders Breivik vorlesen zu lassen, damit es ein für alle Male falsch und für alle Zeiten verbrannt ist. Schon gibt es eine Schnittmenge, der Ismus ist da, liefert einen großartigen Grund, sich vor der Verantwortung des Selberdenkens und des Handelns zu drücken und alles relativiert sich wieder irgendwie, nur halt das Leid nicht. Neinnein, so funktioniert das nicht mit den Ideen.

  Indes, was ist mit denn Heiten und Keiten und anderen Abstrakta bildenden Suffixen wie Haften, Schaften und Ungen?
  
  Zum Beispiel: die Wirkung der Voreingenommenheit auf die Wirklichkeit. Die Eigenschaft der Wahrheit. Oder die sagenhafte Feindseligkeit mancher Gemeinschaften gegen die Einigkeit und die Freiheit. Plöpp! stöpselt man sich aus der Matrix aus, denn man begibt sich schon rein gedanklich aus der Welt der hypothetischen Spekulationen, Simulationen und Relativitäten in die gruslige Welt der Wirklichkeit: kein Ismus hat bisher verhindern können, daß Menschen wie Fliegen an Hunger, Kriegen und Seuchen (und neuerdings Industrie- und Zivilisationskrankeiten und mechanischen Bauwerken) sterben, all dem natürlichen, falsch verteilten Überfluß an Nahrung, Medizin, technischen Neuerungen, wissenschaftlichem Fortschritt und Gründen für den Frieden zum Trotze, und auch in Zukunft wird wohl kaum ein Ismus die (menschliche) Welt vor der Selbstzerfleischung bewahren - auch kein Antiismus; und keine noch so eloquente Abstraktion der Wirklichkeit wird davon ablenken können, daß wir der Ketten unseres sensorischen Sklaventums zunehmend gewahr werden.
  
  Es gibt vielleicht Millionen und Abermillionen von Weihnachtsmännerdarstellungen. Aber es gibt keinen Weihnachtsmann. Keinen Osterhasen.
  
  Es gibt keinen Ismus. Er existiert nur in unserem Kopf.
  
  Welcome to the real world.
  
  Um ein Mißverständniss gar nicht erst aufkommen zu lassen: ein Rassist ist ein Rassist ist ein Rassist (und, ups, ein kubistisches Gemälde ist natürlich auch kubistisch... wobei, "Kästchenbild" reicht vollkommen). Man sollte sich halt genau überlegen, wen man damit beleidigt, warum und ob man damit irgendwie weiterkommt.
  
  Auf Ismus zu denken bedeutet, eine neue (oder alte) Idee erstmal neu im Schubladenersatzfeld einordnen zu müssen, bevor man etwas damit anfangen kann, damit nimmt man sich und anderen die Gelegenheit, die Idee vorurteils- und ismenfrei zu bewerten. Auf Ismus zu denken bedeutet, zuallererst zu fragen: wo kommt das her, wie steht das in Relation zu diesem Ismus oder jenem, aha, soso... und schon wird ein Ismus aus der Idee. Das kann nicht funktionieren. Die Frage sollte sein: ist die Idee gut, nachhaltig, schlau, bringt sie uns - uns alle und jeden einzelnen von uns - weiter? Könnte der Sache Gelingen beschieden sein? Ist das richtig? Ist das - schön? Hat die Idee auch im Kontext der Wirklichkeit Gültigkeit? Wird jemand darunter leiden müssen, damit jemand anderes was bekommt, wenn ja, wie stark (mutet er sich selbst das zu (und was können wir im Gegenzug zur Linderung tun (gar nicht so selten, diese Konstellation, wie man meinen mag, wenn man bedenkt, daß Leid nicht relativierbar ist (und selbst die Aufgabe von Reichtum immenses Leid darstellen kann (wie Dagobert Duck eindrücklich beweist, wenn er Tick, Trick und Track mal ein Eis spendieren soll (denn es geht nicht um die Spitzfindigkeiten des Relativismus, der zu einer Diskussion darüber einlädt, ob Dagobert Duck oder ein KZ-Insasse mehr leiden!!!)))))?
  
  Wir haben doch das Internet und können einander direkt unsere Bedürfnisse und Möglichkeiten kommunizieren, Angebot und Nachfrage verhandeln. Was steht uns denn im Wege als die Angst, dabei übervorteilt zu werden, und der riesenmächtige Mechan-Ismus, den wir deswegen zwischen uns geschoben haben - bestehend aus allerlei Versicherungen, Garantien, Polizei, Gerichtsbarkeit, Banken, Politikern, Verantwortlichen, Militär, Präsidenten, Chefs, nur, um ja nicht auf der realen (also auch gefühlsmäßigen) Ebene interagieren zu müssen, sondern sich in die virtuelle Welt der Spekulationen und widersprüchlichen Unzuständigkeiten flüchten zu können. Ismus ist jedes "der da hat gesagt" und "die machen doch auch" und "das ist doch kalkulierbar", das uns zu Kapos unserer Selbst macht und verhindert, daß wir endlich dieses Gefängnis sprengen - wenn wir uns das schon nicht wert sind, dann wenigstens der nächsten Wagenladung Insassen zuliebe.
  
  Auf diese Kontrolle zu verzichten kann einen Riesenschritt bedeuten, weil es heißt, sich wieder gefühlsmäßig zu involvieren. Beschämt zu sein, traurig, verzweifelt und zornig, gegeneinander und gegen das, was wir selbst uns und anderen angetan haben und antun. Um Verzeihung zu bitten, einzugestehen, einander mißverstanden zu haben, und alles tun, um das Geschehene wiedergutzumachen - ach, scheiß auf das weinerliche Gebettel: laßt uns das endlich aus der Welt schaffen! Bitte!
  
  Und wenn 2012 wirklich das Ende des Kali Yuga oder der Frühling des Wassermannzeitalters (man weiß ja nie, Prophezeiungen haben den Hang zur Selbsterfüllung) oder einfach nur die friedliche Weltrevolution endlich ausbricht - wollen wir den Prozess mit ein paar guten Tips aus dem Off zu begleiten, als zwölfter Mann auf dem Rasen des globalen Rasenschachs sozusagen, und vielleicht - ziemlich sicher - wird bei den einen oder anderen dann wieder die Ismus-Warnleuchte angehen, weil irgendwann irgendwo mal ein Zusammenhang bestanden hat - was doch aber offensichtlich an der Assimilationsfähigkeit und dem absoluten Unterdrückungswillen des Ismus, selten an der Sache selbst lag.
  
  Denn genauso fraß der Ismus die halbwegs gute Idee, daß es eine tolle Sache ist, etwas gegen Armut zu tun (statt für gesunde Familien und starke Kinder; aber das ist mehr so ein Thema des NLP).

  Genau wie die nicht so gute Idee, das eigene Volk einem oder allen anderen aufgrund seines genetischen oder kulturellen oder sonstigen Erbes (G*ttes Beistand, auch sehr beliebt) für überlegen zu halten und deswegen mal eben Krieg führen und Genozid betreiben zu dürfen.
  
  Er fraß den Gedanken, daß das eine Geschlecht dem anderen auf irgendeine Weise oder Art (Heit, Keit, Schaft, Haft) überlegen sei, und jenen, nach der das Wirtschaftswachstum ewig exponentiell steigen wird.
  
  Er einverleibte sich jene Erkenntnis, nach der Hochhäuser sich einfach ganz schnell zerkrümeln sollten, wenn sie mal dolle brennen ganz oben.
  
  Wie lecker war dem Ismus die Vermutung, man könne sich als "Huckepacksignal" an die natürlichen Wirtschaftsprozesse hängen, diese hijacken, steuern, kontrollieren und ausbeuten!

Und wo wir schon beim Thema sind: Ismus und Fußball... ein Ballspiel mit Ismus?!? Ismus ist, kann und muß anscheinend immer!

  Selbst die Lehre von der Nachhaltigkeit und Unbedingtheit des Friedens einverleibte sich sich der Ismus, und für die Forderung der Befreiung der Frauen von der Unterdrückung gibt es ebenfalls einen Ismus.
  
  Und schon lang hat der Ismus die Idee verdaut, statt Spiele zu schreiben, Filme zu drehen und Bilder zu malen und Statuen zu meißeln, lieber Massaker zu simulieren, Soap Operas und Gewaltpornos zu drehen sowie Farbkleckse auf Leinwand und Scheiße in Tüten als Kunst zu verkaufen.
  
  Kunst tut nicht weh (Kunst kann wehtun, wenn man es zuläßt!), da soll sich jeder selbst aussuchen dürfen, wie abstrakt oder irreal er (oder sie) es mag.

  Es sind aber nicht nur die Amokläufer von Columbine und Erfurt, die die Grenzen zwischen ihrer ismischen Virtualität und der Realität ihres Nächsten überschreiten. Es ist genauso pervers, mit dem gleichen Suffix, mit genau dem gleichen Maß, der gleichen Relation wie für solche "Kunst"-Experimente mit der Duldsamkeit des Publikums die Assoziation hervorzurufen, der Zustand der Welt, der Nationen sei Ausdruck eines besonders abstrakten Ismus und alles wäre gut, wenn man sich mal einig wäre über Den Einen Richtigen Ismus[TM] und so lange bleibt das halt nicht aus. Stopp! Das ist Amok. Es ist eine Verschwörung zwischen dem Sklaven und dem Herren, das Nächstschwächere zu unterdrücken: unsere Empathie. Wir sind taub, blind, gefühllos geworden. Wir haben die Bärenfalle in SAW 7 endlich und in 3D aufschnappen sehen und kennen das Bild mit dem Geier und dem Kind nicht mehr.
  
  Wir sind wahrhaft verstümmelt an unseren Sinnen.
  
  Nur so können wir noch unseren Job machen und funktionieren in diesem System als Polizisten, Sozialarbeiter, Pflegekräfte, Soldaten, Beamte, Journalisten, Politiker, Lehrer, Fabrikarbeiter, Eltern, Bänker, Arbeitslose, Aussteiger und Demonstranten. Sonst hätten wir heute schon aufgehört mit dem ab-artigen Wahn-Sinn. Abartig deswegen, weil es nicht unserer Art entspricht. Wir sind nicht so. Wir wurden so gemacht. Schon als kleine, hilflose Kinder wurden wir von Frau Mahlzahn an die Schulbank der Alten Straße 133 gekettet und auf den Ismus-Fnord trainiert. Eigentlich, in freier Wildbahn, sind wir Wesen, die aufrichtig miteinander teilen, aufeinander und auf die Umwelt aufpassen. Einen Streit kann man auch rituell beilegen zwischen denen, die sich nicht riechen können, da braucht man nicht andere vorzuschicken. Mögen sich Einzelne in MMA, Tennis und Schach, Dörfer im Fußball, Nationen mit ihren Exporten und Clans in Counterstrike messen. Nur haltet doch bitte die Leute raus, die damit gar nichts zu tun haben.
  
  So, wie der Ismus eine Mischung ist, ist er eine Ein-Mischung in das tägliche Leben und die Art und Weise, mit der wir bewußt und unbewußt miteinander umgehen. Er kommt zum Beispiel daher in Form eines Steuergesetzes, das ob seiner Fülle, Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit mehr Schaden anrichtet, als es nützt, indem es die vielen Schwachen übervorteilt und keinerlei Verständnis für ihre individuellen Situationen zeigt (sehr ismisch!), dem potenten Einzelfall jedoch gerne gegen eine kleine Gegenleistung - im Sinne der Öffentlichkeit, sozusagen - Ausnahmeregelungen und Abschreibungsmöglichkeiten zugesteht (auch sehr ismisch); kommt daher in Form einer GEZ- und GEMA-Regelung, die altbekanntes bis zum Erbrechen wiederkäut und neue Ideen, wo sie nur kann, unterdrückt (kommt uns das ismisch vor?), kommt daher in Form von Atomkraftwerken, die uns mit "kalkulierbarem Risiko" krank machen und Schrott produzieren, den wir nie wieder loswerden (wenn das nicht ismisch ist), und in Form der ausweichenden, pauschalen, abstrahierend-verkürzenden, einstudierten Expertenantworten auf Fragen zur Sache (äußerst ismisch!). Geld ist die formgebende Masse, der in der materiellen Welt wirkende Körper des ismusistischen Waberwesens. Das sind die Mechanik und ihre Strukturen, die zu analysieren sich lohnt, um sie ersetzen zu können durch irgendetwas schöneres, gerechteres, flinkeres, edleres, aufrichtigeres, verantwortungsvolleres. Das sind reale Fälle, keine Laborversuche (oder? Die einen sagen so, die anderen so).
  
  Ein weiteres Merkmal des Ismus ist sein blinder Führerglaube, seine Unterwürfigkeit vermeintlichen Autoritäten gegenüber, kurz, seine Obrigkeitenhörigkeit. Diesem Kontrollverlust entgegenzuwirken kann ja rein theoretisch nur bedeuten, daß jeder lernt, so gut wie möglich auf seinen Pfaden zu führen. Folgt dem Führer! Eurem eigenen, inneren Führer, und laßt ihn bitte keinen GröFaZ sein, sondern einen Aslan - was wäre da die Welt gerettet.
  
  Je weniger Raum und Einblubb wir dem Ismus geben, desto einfacher kommen wir vielleicht ans Ziel. Sowohl diejenigen, die gern die Erde verlassen möchten, um den Mond und ferne Planeten und Sternensysteme zu besiedeln wie jene, die gern das Meer erobern möchten und jene, die als transhumanes Kollektivbewußtsein die virtuellen Räume, künstliche Schwarmintelligenzen und die Potentiale der bionischen und robotischen Körpermodifikationen erschließen möchten wie auch jene, die einfach gern in ihren Kommunen nach ihren eigenen Regeln, Gesetzen und Maßgaben in Subsistenzlandwirtschaft leben möchten und alle dazwischen; laßt Einzelne zwischen den Stämmen wandern und Handel mit Information und Waren treiben - unter der natürlichen Voraussetzung, daß die Regeln und Gesetze der Subkulturen nicht dem globalen Minimalkonsens widersprechen. Zu diesem Zwecke sollte der Minimalkonsens genau das sein: minimal, sodaß jeder genügend Raum zur Entfaltung hat, ohne die Schmerzgrenzen des anderen zu übertreten (oder Veranlassung dazu zu haben), so gesehen:
  
  der Treshold des Skrupels gehört zurechtgerückt und gesichert, fertig, punkt, aus, ende, und im Großen und Ganzen läuft es genau darauf hinaus: die Bewegung ist nicht bloß Occupy, nicht bloß Anonymous, Arabien und Russland, auch Dr. Paul Kirchhof, Prof. Peter Kruse, Jean Ziegler, Professor Franz Hörmann, Albert Einstein, Adam Smith, Mohandas Gandhi, und viele, viele andere verleihen der Forderung nach Frieden, Freude, Freiheit, Liebe, Selbst- und Mitbestimmung, Gerechtigkeit, Bildung und einer Ökonomie im Dienste der Menschheit vehement Nachdruck. Wir sind nicht allein. Wir sind in guter Gesellschaft. Für die zugezogene Nachbarschaft - Familien Chongil, Hitler und Dschughaschwili von schräg gegenüber - können wir nicht wirklich was, erst, wenn wir zulassen, daß wir uns ihretwegen die Köppe einschlagen und gegenseitig über den Zaun greifen, um Nachbars Kirschen zu pflücken. Und natürlich sind ein paar auf unserer Party etwas wild drauf - Conrad, Tesla, Reich, Schauberger, Gesell, Crowley und Konsorten. Na und, die tun doch keinem was. Selbst der Zimmermannssohn aus Nazareth konnte nicht verhindern, daß in seinem Namen ganze Kontinente vergewaltigt wurden, es liegt also offenbar nicht an den Ideen, die jemand ausspricht, sondern was im Namen dieser Ideen und zu ihrer Durchsetzung in der realen Welt geschieht. Und die schlechtesten Ideen sind Freiwirtschaft und etwas Demut vor dem Göttlichen in uns bestimmt nicht, wenn man sie in die Sprache des  21. Jahrhunderts übersetzt. Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?
  
  Freiheit bedeutet, seinem Wollen, Können, Sollen und Müssen Ausdruck zu verleihen und nicht, noch 28 Jahre später Orwells Zeitplan für die Salonfähigkeit von doublespeak, doublethink und thoughtcrime aufzuholen. Medium dieses Ausdrucks sind Flaggen, Banner, Protestplakate, Internetseiten, Blogs, Tweets und Pinnwandeinträge, klärende Gespräche mit Vorgesetzten und Sachbearbeitern statt geheimer Protokolle und "magische" Handzeichen und die Unterdrückung eines herrschaftsfreien Diskurses mittels des Ismus. Damit ist auch das mutige 1% unter den 1% gemeint, das sich seiner Angst vor der Fallhöhe aus den Fenstern der Bank- und Machtmetropolen bewußt ist und schon aus purem Egoismus die 99% hervorragend in ihrem Bemühen um eine friedlichere Welt ergänzen (kommt von "ganz", "heile": 1%+99%...?) wird ;-)
  
  Ohne den Ismus ist es vielleicht einfacher, darüber zu verhandeln, worauf man für das, was man braucht - Seelenfrieden, Rohstoffe, Ausrüstung - zu verzichten, was zu geben man bereit ist - Arbeit, Raum, Freizeit. Bedenken wir, daß es besonders für Ältere schwierig ist, sich an die Bedingungen der Zeit anzupassen; und wenn eine Bedingung der Zeit, in der wir leben, darin besteht, eine Lösung für alle herbeizuführen und Frieden zu schaffen und den angerichteten Schaden zu beheben, ohne den Großen Ismus vorzuschieben, wird die Herausforderung darin bestehen, die kommende Generation nicht an Geist, Körper und Seele zu verstümmeln - einfach durch bewußtes Unterlassen des Aktes der Verstümmelung. Damit der alten Generation endlich jener Seelenfriede angedeihen kann, den sie so vermissen, daß sie ihn unter Mißachtung der Heisenbergschen Unschärferelation und der Nichtlinearität der Natur in allen anderen suchen, so, wie Amanda den Schlüssel zum eigenen Überleben aus den Eingeweiden ihres sedierten Mitgefangenen schnitzt.
  
  Darum mein guter Vorsatz für 2012: nicht mehr auf Ismus zu denken.
  
  Das ist nicht so ganz einfach, wenn man einmal in diesem Schema drin ist, zumal die Welt jenseits des Ismus ein einziges, unkartographiertes HIC SVNT DRACONES darstellt. Reichsflugscheibe! Zucken sofort alle zusammen. Hat er das jetzt wirklich gesagt? Wie hat er das gemeint? Das ist doch ismusistisch! Ach, hätt ich bloß nicht Flugscheibe gesagt...
  
  Spaß beiseite. Es wird nicht ausbleiben, daß der ein oder andere denkt: WTF?!?!, wenn wir mal richtig ausholen und bei Adam und Eva anfangen und uns, ganz wie Sherlock Holmes, dem Wahn der Verschwörer ergeben und die Bühnenzaubertricks als das benennen, was sie sind: Bühnenzaubertricks, deren ganze Magie darin besteht,  dem Publikum essentielles Hintergrundwissen vorzuenthalten und es in einen Zustand des Unglaubens zu versetzen - notfalls muss man sich die ein oder andere Passage in Slow Motion angucken, so à la Matrix: das JFK-Attentat, die Terroranschläge vom 11. September, und wenn wir ganz, ganz mutig sind - und erst dann! - wagen wir uns an die "echten" Tabus.
  
  Daher, hier demnächst: Atlantis, Ägypten, die Annunaki und überhaupt der gute alte Erich von Däniken und Konsorten. Was ist dran an der Makroevolutionsdoktrin? -- Was hat es mit dem Zeitgeist auf sich, dem Gemunkel von den freien Energien, kalten Fusionen und solaren Alternativen zur Photovoltaik, den einen oder anderen prophezeiten Plänen der DARPA?
  
  Läßt sich durch den Anbau von Hanf die Welt ein bisschen schneller retten?
  
  Und was ist mit eigentlich mit der Theorie von der abiotischen Genese des Erdöls und der Überlegung, daß die Erde in Wahrheit am Wachsen ist, sich in einer Spirale von der Sonne wegbewegt und bald so aussehen wird wie der Mars und dann wie der Jupiter (und überhaupt: Urknall, wer denkt denn sich sowas aus)?
  
  Und was, wenn die Erde wirklich hohl ist? Und warum tut immer jeder so, als wüßte er, was es mit dem ganzen Gekritzel und dieser ständigen Hoaxerei auf sich hat (und was überhaupt aus dem Disclosure Project geworden ist)?
  
  Natürlich sind das alles Verschwörungstheorien und jeder ist da anderer Auffassung, was man aussortieren kann und was essentiell wichtig für das Verständnis der Vorgänge ist. Indes, vielleicht lohnt es sich, tatsächlich das ein oder andere Dogma zu hinterfragen in einer Zeit, da Experten zunehmend von Alternativlosigkeiten und Unausweichlichkeiten sprechen. Wo irgend möglich, soll es um Fakten, Beweise, Dokumente und glaubhafte Zeugenberichte gehen, kein Hörsensagen und keine Spekulationen und vor allem keine haltlosen Anschuldigungen. Glauben, Aberglauben und Wissen sollen nicht mehr vermengt werden. Das ist Revisionismus! Nein, äh, ja klar: das ist Geschichte: alle Erkenntnisse zusammenzuführen, um die Gegenwart zu erklären und die Zukunft lebenswert zu gestalten, statt Bücher zu verbieten und zu verbrennen. Wissenschaft, also auch Geschichte und Philosophie, ist per se ein Prozess der Revision, der Erkenntniserweiterung. Man setzt sich sachlich mit einem Thema auseinander, und selbst, wenn einer behauptet, der Mond sei aus Käse, wird er doch auch nicht mundtot gemacht, denn es läßt sich doch leicht das Gegenteil beweisen. Soll er sprechen, Bücher schreiben, soll er sich doch blamieren, im Fernsehen und vor Publikum, so schnell kommt dann erstmal keiner mehr auf solchen Käse! Dumme Menschen wird eine Demokratie ja wohl ertragen. Was eine Demokratie gefährdet, ist die systematische Verdummung; Andersdenkende zu verunglimpfen (oder als Ismisten abzustempeln), Geschichte in Paragraphen und Tabus und heiligen Geheimnissen erzählen zu müssen statt in Geschichten, die jedes Kind versteht.
  
  Dahinter steckt eine ganz einfache Theorie: daß jede politische Entscheidung nur so gut ist wie die Information, die ihr zugrunde liegt. Je besser das Hintergrundwissen, desto besser die Entscheidung, die ein Einzelner und eine Gesellschaft zu einer Sache treffen können. Ein Teil des Hintergrundwissens wird uns allerdings systematisch vorenthalten, was enormen Einfluß auf die Qualität unserer Willensfindungsprozesse hat - so, wie bei dem Esel, der einer Karotte hinterhertrottet, von der er nicht weiß, daß er selbst sie vor sich herschiebt, weil der Wagenlenker sie an einer Angel vor seiner Nase herunterbaumeln läßt. Keiner kann absolutes Wissen für sich beanspruchen, doch gemeinsam sind wir schlau.
  
  Dies und vieles mehr in den kommenden Monaten!
  
  Einen noch zum Entspannen:
  
  
     
auf YouTube


  
  Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und ein wundervolles 2012 Euch allen!


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BansheeOne

(verfasst: Donnerstag, 5. Januar 2012, 14:54) #

So, jetzt habe ich mich auch durch die Spiegel des neuen HP-Layouts gewunden und die neuen Einträge gefunden. Und man kann sie jetzt sogar Schwarz auf Weiß lesen, so dass einem nach einer Seite nicht mehr gleich alles vor den Augen flimmert!

Ach ja, die Holocaust-Keule - das Schöne an ihr ist, dass jeder sie benutzen kann, ob links oder rechts, für oder gegen einen beliebigen Militäreinsatz, pro oder contra Israel, und meist sogar gleichzeitig; denn während der eine beim 9/11-Truther noch echten oder eingebildeten Antisemitismus erkennt, erklärt letzterer das aus 9/11 folgende Handeln der US-Regierung schon elegant zum Holocaust des 21. Jahrhunderts. Kleiner haben wir's nämlich scheinbar nicht.

Nun bietet sich der Holocaust als singuläres Menschheitsverbrechen der Neuzeit als Keule natürlich an, was prompt zur Entwertung durch das Draufhauen auf immer kleinere Ziele führt. Wenn etwa Taubstummenverbände den Einsatz von Cochlea-Implantaten als "Holocaust gegen die Kultur der Gehörlosen" bezeichnen, muss man sich nach den verrutschten Maßstäben schon ziemlich strecken. Und natürlich wird der Prügel zumindest dem subjektiven Eindruck nach nirgendwo so gern geschwungen wie in Deutschland, wo die gravierende Schuld des Holocaust zumindest im kollektiven Unterbewusstsein fest verankert ist.

Populärpsychologisch gesehen erklärt das einiges, denn Menschen kompensieren eben. In manchen Fällen gerne dadurch, dass die Guten/Opfer des 2. Weltkriegs (Amerikaner, Juden und Israel als deren politische Inkanation, etc.) als "genauso schlimm" oder "noch schlimmer" herabgesetzt werden, um die wahrgenommene eigene Schuld zu relativieren. Daher die vielen empörten Menschen hierzulande, die an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern bemängeln, die Israelis hätten nichts aus dem Holocaust gelernt (dabei höre ich immer so ein "obwohl wir uns so viel Mühe gegeben haben" mit) - auch bekannt als "Deutsche, die den Juden niemals für den Holocaust vergeben werden" - oder dass George W. Bush genauso schlimm wie Hitler gewesen wäre.

Da aber noch niemand die USraelischen Sonderkommandos und KZs zur Vernichtung der Araber durch Massenerschießungen, Arbeit und Gaskammern gesehen hat, macht das praktischerweise den Holocaust gleich viel weniger schlimm, weil wenn die heutigen Übelwichte das gleiche machen wie wir damals, kann das damals nicht schlimmer gewesen sein als heute, sonst würde ja das Raum-Zeit-Kontinuum verbogen. Und überhaupt wissen wir Deutsche das alles am besten, weil niemand anders hat in der ganzen Geschichte so einen herausragenden Mist gebaut wie wir, und daraus haben wir gelernt, und wir werden diesen ganzen anderen unaufgeklärten Neandertalern zeigen, wie man sich als geläutertes, friedliches und bescheidenes Volk benimmt, bei GOTT!!! AM DEUTSCHEN WESEN SOLL DIE WELT ...

Ahem. Das erklärt jedenfalls auch, warum internationale Weltverbesserungsvereine wie Greenpeace oder Amnesty International so überproportional von Deutschen durchsetzt sind.

Die andere Möglichkeit ist natürlich die Ablehnung der eigenen deutschen nationalen Identität, gerne bei der politischen Linken wahrgenommen; oder die übertriebene Identifizierung mit den "Guten", manifestiert in übertriebenem Pro-Amerikanismus oder Philosemitismus, gern demonstriert bei der Antideutschen Linken oder der Neuen Rechten, deren Antiislamismus wiederum keinen Deut hinter dem klassischen Antisemitismus zurücksteht. Für die ganz Verwirrten haben wir dann noch  Nazis für Israel, bei denen ich mir immer noch nicht ganz sicher bin, ob es sich um eine monströse Verarsche oder eine echte false flag operation handelt.

Da aber spätestens seit den autonomen Nationalisten, von denen mittlerweile viele zur autonomen Linken weitergewandert sind, der ganze Extremismus sowieso heillos durcheinandergeraten ist, meinen die Jungs es wahrscheinlich ernst. Passt ja auch sehr schön zum klassischen Querfrontgedanken, dass Nazis mittlerweile auch in Antikapitalismus machen, und wie wir letzthin diskutiert haben, speisen sich die ganzen modernen Anti-Ismen meiner Meinung sowieso nur aus der Überforderung des Individiuums mit der Komplexität der Moderne.

Wobei, um die Verwirrung komplett zu machen, zur Schau gestellter Philosemitismus ja auch häufig nur wieder zur Kompensation insgeheimer judenkritischer Einstellungen dient, die das eigene Schuldbewusstsein verdecken will; daher der Spruch "kratz an einem Philosemiten, und Du findest einen Antisemiten", oder die Aussage des verstorbenen Ignatz Bubis "Letztere sind mir lieber, da weiß ich wenigstens, woran ich bin". Und wenn ich die empörten Leserbriefe von Gutmenschen lese, die wegen der israelischen Politik aus der Gesellschaft für Deutsch-Jüdische Zusammenarbeit austreten (also offenbar auch "die Juden" für diese Politik verantwortlich machen), weiß ich genau, was er damit gemeint hat.

Ich bin ja im Grunde auch so ein kleiner Philosemit, aber Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung, und mittlerweile habe ich meine nationalen Komplexe glaube ich ganz gut im Griff ...

... oooh, kriege gerade die neue "Jüdische Allgemeine" ins Büro, sorry, muss Schluss machen und lesen ...

... und Frohes Neues auch!


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BansheeOne

(verfasst: Freitag, 6. April 2012, 8:58) #


Zitat BansheeOne:

Populärpsychologisch gesehen erklärt das einiges, denn Menschen kompensieren eben. In manchen Fällen gerne dadurch, dass die Guten/Opfer des 2. Weltkriegs (Amerikaner, Juden und Israel als deren politische Inkanation, etc.) als "genauso schlimm" oder "noch schlimmer" herabgesetzt werden, um die wahrgenommene eigene Schuld zu relativieren. Daher die vielen empörten Menschen hierzulande, die an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern bemängeln, die Israelis hätten nichts aus dem Holocaust gelernt (dabei höre ich immer so ein "obwohl wir uns so viel Mühe gegeben haben" mit) - auch bekannt als "Deutsche, die den Juden niemals für den Holocaust vergeben werden" - oder dass George W. Bush genauso schlimm wie Hitler gewesen wäre.

Da aber noch niemand die USraelischen Sonderkommandos und KZs zur Vernichtung der Araber durch Massenerschießungen, Arbeit und Gaskammern gesehen hat, macht das praktischerweise den Holocaust gleich viel weniger schlimm, weil wenn die heutigen Übelwichte das gleiche machen wie wir damals, kann das damals nicht schlimmer gewesen sein als heute, sonst würde ja das Raum-Zeit-Kontinuum verbogen. Und überhaupt wissen wir Deutsche das alles am besten, weil niemand anders hat in der ganzen Geschichte so einen herausragenden Mist gebaut wie wir, und daraus haben wir gelernt, und wir werden diesen ganzen anderen unaufgeklärten Neandertalern zeigen, wie man sich als geläutertes, friedliches und bescheidenes Volk benimmt, bei GOTT!!! AM DEUTSCHEN WESEN SOLL DIE WELT ...


Günter Grass illustriert übrigens diesen Punkt gerade mit einer Souveränität, dass ich vor Ergriffenheit feuchte Augen kriege. Natürlich ist niemand besser geeignet als ein ehemaliger Rekrut der Waffen-SS, der anderen unter praktischer Auslassung dieser Tatsache sein Leben lang ihre eigene Nazi-Vergangenheit vorgeworfen hat, die Israelis der Vorbereitung eines Völkermordes zu bezichtigen und sich selbst als dessen künftigen Überlebenden zu titulieren. Damit wären dann die Rollen komplett vertauscht, und SS-Schütze Grass ist jeder Schuld ledig.

Dass er vom Mittleren Osten, Strategie und Technik - und hier insbesondere von Nuklearwaffen und den von Deutschland an Israel gelieferten U-Booten - keine Scheißahnung hat, stört dabei nicht; wie alle Schwätzer die mit "es muss ja mal gesagt werden" anfangen, will er ja eigentlich nur das Beste für die Beschimpften, und fühlt sich Israel jetzt und in Zukunft verbunden. Wie ich im Blog der israelischen Botschaft kommentiert habe, gibt es für diese rührende Zurschaustellung von kritischer Solidarität eigentlich nur eine angemessene Würdigung: die Israelis sollten die demnächst gelieferten Dolphin-mod.-U-Boote als "Grass-Klasse" in Dienst stellen.


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Akareyon

(verfasst: Freitag, 6. April 2012, 14:27) #


Dahinter steckt eine ganz einfache Theorie: daß jede politische Entscheidung nur so gut ist wie die Information, die ihr zugrunde liegt. Je besser das Hintergrundwissen, desto besser die Entscheidung, die ein Einzelner und eine Gesellschaft zu einer Sache treffen können. Ein Teil des Hintergrundwissens wird uns allerdings systematisch vorenthalten


...ich für meinen Teil habe z.B. keine Ahnung von der "Situation im Nahen/Mittleren Osten". Die verfügbaren Informationsschnipsel sind tendenziös und ideologisch durchtränkt, die Wahrheit wie bei jedem Krieg schon längst das erste Opfer geworden - wie soll man da ein vernünftiges Urteil fällen über "richtig" und "falsch", oder besser - wer ist im Recht: der Iran, Israel, das iranische Volk, das israelische? Diejenigen, die den Frieden und die Verständigung der Völker über alles stellen oder diejenigen, die den Frieden erst mit militärischer Gewalt herbeiführen zu müssen glauben, bis keine Bedrohung mehr den Frieden gefährden kann?

Besser ist wohl, daß ich mich aus der Diskussion heraushalte, auch, wenn ich mich damit des Verdachts der politischen Desinteressiertheit aussetze - der trifft wenigstens nicht so hart wie der des Rassenhasses. Ändern kann ich eh nichts - es bleibt mir ja doch nur das Vertrauen darauf, daß die Menschen, die dafür bezahlt werden, in meinem Namen die richtigen Entscheidungen über Krieg und Frieden treffen.

So wie Grass, als er noch jung war.


antwort mit zitat

BansheeOne

(verfasst: Samstag, 7. April 2012, 13:56) #

Tja, nun habe ich ja schon immer gesagt, dass Informationen durchaus zugänglich sind, wenn man weiß, wo man zu suchen hat; und das Internet stellt uns ja mittlerweile eine gezielt durchsuchbare Informationsfülle zur Verfügung - einschließlich Wikileaks und ähnlichem, was ja vielfach nur das bestätigt, was aus offline verfügbaren Quellen seit langem öffentlich bekannt ist. Selbstverständlich enthebt einen das nicht der Quellenkritik, dem Vergleich und der Einordnung verschiedener Informationen mit dem eigenen Verstand.

Wer natürlich von vornherein davon ausgeht, dass alle offen verfügbare Information gefälscht und gelogen ist und die Wahrheit sowieso böswillig verborgen wird, schießt sich gleich selbst aus dem Prozess. Das behauptete Denkverbot und Tabu ist ja auch die Grundlage des empörten Gestus, mit dem Grass sein Gedicht (wenn man es denn als solches bezeichnen will) entwickelt; mit demselben distanzierten Verhältnis zur Realität hat er sich dann ja anschließend beklagt, dass sich niemand mit dem Inhalt auseinandersetze, obwohl dieser vielfach zerpflückt und mit verfügbarer Information abgeglichen worden ist. Das funktioniert ja auch ganz prima:


Zitat Günter Grass:
Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde,


Offensichtlich in der Tat, denn die Übungen der israelischen Luftwaffe im Mittelmeer, bei denen rein zufällig die selben Entfernungen zurückgelegt wurden wie nach Iran, sind ja vielfach publiziert worden. Nichts zu verschweigen hier also.


Zitat Günter Grass:
an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.


Das ist nun schon die erste Rollenverdrehung, denn wie die FAZ festgestellt hat, klaut Grass hier aus einer Rede der damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden zum Gedenktag an die "Reichskristallnacht" 2008:


[...]

Die Zentralratspräsidentin betonte, der "Wirklichkeit gewordene Alptraum" der Reichspogromnacht sei kein "spontanes Pogrom" gewesen, sondern der vorläufige Höhepunkt einer deutschen Politik der "Diskriminierung und Vertreibung der Juden".

Sie selbst sei damals sechs Jahre alt gewesen, als sie an der Hand ihres Vaters durch ihre Heimatstadt München auf der Flucht vor den Ausschreitungen gehastet sei. "Wir waren jedes bekannten und geliebten Ortes beraubt worden", schilderte Knobloch ihre Erlebnisse. Die damalige "Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein" seien auch heute noch in ihrem Leben präsent, "als ob es erst gestern geschehen wäre". Die sechs Millionen ermordeten Juden dürften nicht "zu einer Fußnote der Geschichte" werden, mahnte Knobloch.

[...]


http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,589318,00.html


Zitat Günter Grass:
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.


Dieser Satz ist natürlich am meisten zerfleddert worden. Einmal hinsichtlich der Verniedlichung Mahmud Ahmadinejads zu einem "Maulhelden"; wenn man schon in der Kiste mit den historischen Keulen wühlt, könnte man dafür gleich diese herausziehen:


Franz von Papen (1879-1969)

deutscher Politiker (Zentrumspartei)

Überprüft

"Sie irren sich, wir haben ihn engagiert." - am 30. Janaur 1933 zu einem Kritiker auf dessen Frage: "Was, Sie haben Hitler an die Macht gebracht?!"

Zugeschrieben

"In drei Monaten haben wir [Adolf Hitler|Hitler]] so an die Wand gedrückt, dass er quietscht."


http://www.quotez.net/german/franz_von_papen.htm

Man komme gar nicht erst mit einer meiner Lieblingsbehauptungen von der angeblichen Fälschung des berühmten Ahmadinejad-Zitates, wonach Israel von der Landkarte radiert werden müsse. Das ist zwar in der Tat ungenau übersetzt, wofür allerdings die englischsprachige Website des iranischen Staatsfernsehens selbst verantwortlich war. Die "richtige" Übersetzung lautet:


"Der Imam [Khomeini] sagte, dass das Regime, dass Jerusalem besetzt hält, von den Seiten der Zeit/Geschichte verschwinden/getilgt werden muss."


http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/1510.htm

Was nichts weiter als die offizielle Regierungslinie der Islamischen Republik Iran darstellt, dass der jüdische Staat Israel vernichtet werden muss. Das bedeutet zwar nicht physisch mit Atomwaffen "von der Landkarte radiert", aber aus Sicht der Israelis ist der Unterschied vermutlich nicht so groß. Die meisten Staaten lassen sich nämlich nicht so einfach ohne einen größeren Teil ihrer Bürger vernichten. Die Furcht der Israelis - die sie mit vielen arabischen Nachbarn teilen - ist ja auch nicht ein nuklearer Holocaust als vielmehr, dass der Iran mit dem Besitz von Atomwaffen so unangreifbar wird, dass er sowohl seine regionalen Hegemonialbestrebungen als auch die Unterstützung von Terrorgruppen wie der Hisbollah ungestraft fortsetzen und ausbauen kann.

Andersherum war in der sehr breit und öffentlich geführten Debatte in Israel über einen Präventivschlag nie von Atomwaffen die Rede - und selbst wenn, könnte Israel auch bei optimistischsten Schätzungen über sein nukleares Arsenal nicht "das iranische Volk auslöschen". Natürlich will Grass aber hier auf Weltkrieg und Völkermord hinaus, als dessen künftiger Überlebender er sich geriert. Im Interview hat er später versucht sich damit herauszureden, dass ja auch der Angriff mit konventionellen Waffen auf iranische Atomanlagen solche Folgen haben könne. Seltsamerweise war davon aber nichts zu merken, als die Israelis 1981 den irakischen Reaktor Osirak oder 2007 eine vermutete syrische Atomanlage zerstörten.

Ob natürlich der aus israelischer Sicht zu erzielende Nutzen eines Präventivschlages im Verhältnis zu den durchaus realen Risiken steht, ist eine andere Frage; auf Grundlage der mir zur Verfügung stehenden Informationen würde ich das nach wie vor verneinen, und die Bundesregierung scheint da ganz meiner Meinung zu sein:


De Maizière warnt vor Krieg mit dem Iran

Im Atomstreit mit dem Iran sieht Bundesverteidigungsminister de Maizière "unkalkulierbare Risiken". Der Iran verlagere seine Nuklearanlagen tiefer unter die Erde, was einen israelischen Angriff erschweren würde. Deutschland rate dringend von einem Militärschlag ab.


Verteidigungsminister Thomas de Maizière zeigt sich alarmiert über die Kriegsgefahr im Nahen Osten. Nach seinen Gesprächen mit dem israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak sei er „eher sorgenvoller als zuversichtlicher geworden“, sagte der CDU-Politiker der „Bild“-Zeitung.

Der Minister fügte hinzu: „Wir tun derzeit alles, was in unseren Kräften steht, um Iran von seinem Atomkurs abzubringen, vor allem durch Sanktionen. Aber: Die israelische Seite glaubt nicht, dass die Sanktionen Erfolg haben.“

Der Iran sei zwar gerade dabei, sein Nuklearprogramm tief unter die Erde zu bringen, was einen israelischen Angriff erschweren würde. Doch unterschätzten Teile der israelischen Regierung die negativen Folgen eines solchen Schlages, sagte de Maizière. „Ich habe Ehud Barak gesagt, die Folgen sind unkalkulierbar. Und unkalkulierbare Risiken bei dieser Dimension sollte man nicht eingehen. Deswegen haben wir als Freunde Israels von diesem Schritt dringend abgeraten.“ (dapd)


http://www.fr-online.de/israel-iran-konflikt/atomstreit-de-maizi-re-warnt-vor-krieg-mit-dem-iran,11950234,12001452,view,.html

Siehe da: Der deutsche Verteidigungsminister warnt Israel in aller Freundschaft und Öffentlichkeit vor einem Angriff auf den Iran. Und sein israelischer Kollege springt nicht im Raum herum und schreit "Antisemitismus!" Von was raunt also Grass im Folgenden?


Zitat Günter Grass:
Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?


Wenn Grass hier mit "außer Kontrolle" meint, dass das israelische Nukleararsenal keiner internationalen Überwachung unterliege, hat er natürlich Recht - schließlich hat das Land nie den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, und hinsichtlich der Vergleichbarkeit mit dem Iran, der das getan hat, kann man letzterem nur sagen "selber schuld". Andererseits - wenn das israelische Potenzial so geheim und unkontrolliert ist, woher weiß Grass dann, dass es wächst?


Zitat Günter Grass:
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.


Hier kommt nun passend zum Titel des literarisch leicht verfeinerten "man wird ja wohl noch sagen dürfen" das unvermeidlich ergänzende "aber dann wird man ja sofort als Antisemit bezeichnet". Das ist insofern ein bisschen kitzlig, weil die Behauptung, dass dieser Vorwurf zur Unterdrückung von Kritik genutzt wird selbst ein antisemitisches Stereotyp ist, wenn er mit dem gängigen Klischee einhergeht, Medien und veröffentlichte Meinung seien von "den Juden" beherrscht.

Das tut Grass nun nicht, sondern bleibt auf der allgemeineren Ebene der Klage über die Instrumentalisierung der deutschen Vergangenheit in der politischen Auseinandersetzung, vielfach im rechten Lager aber auch bei linken Israelgegnern und als Hintergrundrauschen des Stammtischpublikums zu hören. Es ist auch nicht hilfreich, dass ihm einige Kritiker postum Antisemitismus vorgeworfen haben, weil es das Ganze natürlich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung macht und die larmoyante Selbstvorwegnahme des Opferstatus durch den Autor bedient. Dennoch könnte man ihm mal die Anregung geben: "Wenn Du schon bei einer Aussage klagst, dass Du dafür bestimmt als Antisemit beschimpft wirst - vielleicht bist Du ja einer?"


Zitat Günter Grass:
Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.


Ach ja, die Dolphin-U-Boote und die Atomwaffen. Das ganze Gerede hat seinen Ursprung darin, dass diese außer den Torpedorohren im üblichen Kaliber 53,3 cm auch noch mit vieren von 65 cm Durchmesser ausgestattet sind, für die es im Westen eigentlich keine passenden Waffen gibt. Prompt meldeten arabische Quellen kurz nach Indienststellung, Israel habe bei Sri Lanka den Abschuss von nuklearbestückten Marschflugkörpern von diesen Booten getestet (das sind dieselben arabischen Quellen die behaupten, Israel würde den Palästinensern AIDS-infizierte Wassermelonen liefern, Haie auf Touristen an ägyptischen Stränden hetzen und bei Straßenkämpfen Stripperinnen einsetzen, die dann plötzlich die gebannt zuschauenden Jungs erschießen - wo die wohl ihre Waffen verstecken?).

Allerdings wäre kein Typ eines israelischen Marschflugkörpers bekannt, der hierfür in Frage käme; und existierende Typen wie der amerikanische Tomahawk werden von U-Booten aus ganz normalen Torpedorohren Kaliber 53,3 cm gestartet. Viel wahrscheinlicher ist, dass die größeren Rohre zum Ausschleusen von Kampfschwimmern einschließlich deren Unterwassergefährten (Swimmer Delivery Vehicle) gedacht sind. Natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass die Dolphins mit Nuklearwaffen ausgerüstet sind oder zukünftig werden, da U-Boote in der Nuklearstrategie die Fähigkeit zum Zweitschlag sichern. Sprich, ein Angreifer kann sich nicht darauf verlassen, mit seinem Erstschlag das gesamte gegnerische Nukleararsenal auszuschalten und selbst ungeschoren davonzukommen, wodurch die Abschreckung gewahrt bleibt.

Insofern ist es den Israelis wahrscheinlich ganz recht, dass den Dolphins diese Fähigkeit zugeschrieben wird. Ihre Spezialität ist es aber sicher nicht, und natürlich wären etwa doch von ihnen gestartete Sprengköpfe definitiv nicht "allvernichtend" im Sinne der Grassschen "Auslöschung" des iranischen Volkes. Ob man nun die Lieferung der Boote durch Deutschland mit der Verantwortung für Israel als Merkelsche Staatsräson begründet, ist eine politische Frage - ich würde sie bejahen, man kann aber auch anderer Meinung sein. Die Wiedergutmachung, die mit der Lieferung des ersten Loses noch durch die Regierung Schröder geleistet werden sollte, bezog sich allerdings nicht wie von Grass impliziert auf den Holocaust, sondern vielmehr auf das Niederregnen irakischer Scud-Raketen auf Israel während des ersten Irak-Krieges, die mit so freundlicher wie illegaler Hilfe deutscher Firmen verbessert worden waren.


Zitat Günter Grass:
Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.


Hier haben wir noch die letzte Ergänzung des Dreisatzes aus "man wird ja wohl noch sagen dürfen" und "aber dann wird man ja sofort als Antisemit bezeichnet" mit "und dabei mag ich Israel eigentlich". Die passende Anerkennung hierfür habe ich bereits erläutert.


Zitat Günter Grass:
Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?


Dazu ist vielfach gefragt worden, warum nur Israel genannt wird und nicht der Iran. Ich würde noch hinzufügen: Was ist mit dem Konflikt zwischen den Atommächten Indien und Pakistan? Mit dem auf der koreanischen Halbinsel? Natürlich schließt das Eine nicht das Andere aus, doch warum wird hier Israel als Bedrohung des Weltfriedens ausgesondert?


Zitat Günter Grass:
Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir - als Deutsche belastet genug - Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.


Und da haben wir es, in kristallener Reinheit: Wir Deutsche sind Experten für Menschheitsverbrechen, deswegen sehen wir mit Adleraugen, wenn andere dasselbe zu tun im Begriff sind, und es ist unsere Pflicht, diese Ungeläuterten davon abzuhalten, die das aus ihren eigenen Erfahrungen nicht gelernt haben. Herrlich. Mir stehen die Tränen in den Augen.


Zitat Günter Grass:
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.


So, und jetzt zum Schluss noch ein bisschen Relativismus, die Kontrolle aller Atomarsenale gleichermaßen fordern und gütig Israelis zugleich mit Palästinensern nennen - nicht ohne nochmals klarzumachen, wer hier der Verursacher der erkennbaren Gefahr ist und elegant das Wort "okkupieren" hineinzuschlenzen, mit dem man auf das Besatzungsunrecht in Palästina hinweist. Günter, ich erkläre Dich hiermit zu einem guten Menschen. Aber natürlich weißt Du schon, dass Du das bist. Denn darum geht es ja hier letztlich, nicht um Israel, Iran und Atomwaffen. Nein, es geht um den ehemaligen SS-Schützen Grass, der dem ehemaligen NSDAP-Mitglied und späterem Bundesksanzler Kurt Georg Kiesinger und vielen anderen öffentlich die Moral abgesprochen hat und den Wirtschaftsminister Karl Schiller zur Offenlegung seiner Nazi-Vergangenheit aufforderte, was er bei sich selbst wohl für nicht so wichtig hielt.

Da wollen wir doch passenderweise mit einem älteren Juwel Grassscher Dichtkunst schließen, das ebenfalls die FAZ ausgegraben hat:


Zitat Günter Grass:
Wie Stahl seine Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur.
Aufrüstung öffnet Märkte für Antikriegsgedichte.
Die Herstellungskosten sind gering.
Man nehme: ein Achtel gerechten Zorn,
zwei Achtel alltäglichen Ärger
und fünf Achtel, damit sie vorschmeckt, ohnmächtige Wut.
Denn mittelgroße Gefühle gegen den Krieg
sind billig zu haben
und seit Troja schon Ladenhüter.
(Mach doch was. Mach doch was.
Irgendwas. Mach doch was.)
man macht sich Luft: schon verraucht der gerechte Zorn.
Der kleine alltägliche Ärger lässt die Ventile zischen.
Ohnmächtige Wut entlädt sich, füllt einen Luftballon,
der steigt und steigt, wird kleiner, ist weg.


http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/guenter-grass-im-fernsehen-was-bleibet-aber-richten-die-dichter-an-11709438.html


antwort mit zitat

Akareyon

(verfasst: Dienstag, 10. April 2012, 16:57) #


Zitat BansheeOne:
Wer natürlich von vornherein davon ausgeht, dass alle offen verfügbare Information gefälscht und gelogen ist und die Wahrheit sowieso böswillig verborgen wird, schießt sich gleich selbst aus dem Prozess.


Weshalb ich die Berichterstattung der etablierten Medien nicht als maßgeblich für meine Meinungsfindungsprozesse betrachten kann und darf, war bereits Thema unserer Diskussionen zu Truth Is Bunk und Ente Lissabon flambée und wurde unlängst bestätigt durch das "Interview", das der "Maulheld" mit ZDFs Kleber-Claus hielt, der sich aufführte wie der offizielle Gesandte der westlichen, ziviliserten Welt -- und dabei mit Anlauf ins eigene rhethorische Messer gelaufen ist, sodaß am Ende doch ein manipulativer Kommentar aus dem Off daran erinnern mußte, daß der Präsident des Iran ein gefährlicher Spinner ist, und nicht etwa der hervorragende Manipulator, der soeben die Anmaßung und Doppelzüngigkeit der Kolonialmächte am Nasenring durch die Manege geführt hat.

Insofern stimme ich Dir zu: ich schließe mich aus aus dem "Prozess"; einem ismistischen Prozess der gegenseitigen Schuldzuweisungen (bei gleichzeitiger Verharmlosung des eigenen Unrechts) unter dem Gesichtspunkt militärisch und/oder ökonomisch durchzusetzender nationaler Interessen; gerade, da es Alternativen zu diesem Prozess gibt - wie in diesem Falle den der Verständigung zwischen den Völkern Israels und des Iran.

Von diesem Standpunkt aus wird nämlich schnell klar, daß die einen nicht wirklich etwas gegen die anderen haben - von den üblichen Vorurteilen abgesehen, wie sie zum Beispiel auch Bayern und Preußen oder Franzosen und Briten in fast liebevollen Stammtischfrotzeleien gegeneinander pflegen und dabei mehr der kollektiven Selbstaffirmation als dem Schlechtmachen des jeweils andersartigen dienen; während jener Hass vieler Einzelner gegen ausnahmslos alle Angehörigen des jeweils anderen Volkes, wie er zum Anstiften von Krieg und Terror notwendig ist, erst mühsam geschürt werden muß.

Daraus wiederum leitet sich ab, daß es allen voran die korrupten "Führer" und "Eliten" der Parteien sind, die ein aufrichtiges Interesse haben, den Konflikt selbst unter Inkaufnahme eines "Verteidigungsangriffes" zur Durchsetzung ihres "Rechts" zu verschärfen - denn es sind wohl kaum ihre eigenen Eltern und Kinder, die sie an die Front eines solchen genozidalen Terrors stellen, den man mit "moderne" oder "chirurgische" Kriegsführung zu euphemisieren pflegt, und die dann infolge der Verseuchung mit nuklearen und chemischen Kampfstoffen als "Kollateralverluste" in die Statistiken eingehen - um schließlich gesagt bekommen, sie seien "selber schuld" und auch ihre Kindeskinder hätten rechtmäßigerweise noch die Verantwortung zu tragen.

Daß "Krieg" nämlich nicht eine vielleicht etwas blutigere Mannschaftssportart ist, bei der sich die mit den Spielregeln Einverstandenen auf einem Felde gegenüberstehen und dort dem Recht des Stärkeren den Richterstuhl über die Frage nach dem Existenz- und Expansionsrecht überlassen, sondern grausamer Terror gegen die Zivilbevölkerung, die sich schon gegen den Freiheitsentzug durch die eigene Regierung nicht zu helfen weiß (geschweige denn all die "öffentlich zugängliche Information" auszuwerten in der Lage ist, um sich fundiert für oder gegen eine Beteiligung an dem Irrsinn zu entscheiden), blendet nämlich der "Prozess" aus und weiß - wie im Eröffnungsbeitrag erläutert - immer eine Gegenantwort; eine Rechtfertigung dafür, ein Schwert zu schmieden, ein Gewehr mit Atommüll zu laden oder innerhalb von Sekundenbruchteilen Tausende von Menschenleben zu verdampfen, und sei es, um "schlimmeres" zu verhindern (und was das "Schlimmste" ist, darüber darf es de jure überhaupt kein Vertun geben).

Und während die islamistischen Mullahs und zionistischen Führer über Volkes Stimmen der Vernunft, des Friedens und der Liebe hinweg immer lauter nach einem Waffengang plärren, erhebt nun ein greiser Schriftsteller aus dem Schoße Germaniens zu einem seiner letzten Male seine Stimme und tut seinen Job als Künstler: er gibt unsichtbaren Wahrheiten eine Form, um seinen Rezipienten eine Diskussion über jene unsichtbare Wahrheit zu ermöglichen. Als Politiker, Wissenschaftler oder Journalist wäre er der Welt des Faktischen verpflichtet gewesen, doch als Dichter sind ihm die Mittel der Verzerrung und Überhöhung als Werkzeug an die Hand gegeben, um einen Aspekt herauszumodellieren, um den die Kommentatoren sonst einen heissen Eiertanz aufführen, wenn sie sich nicht in der gesellig-vertraulichen Sicherheit eines bierseligen Stammtischgespräches wähnen: das Unverständnis vieler Landsleute darüber, daß die Israelis anscheinend machen dürfen, was sie wollen, während der Iran auf den Deckel kriegt (und "selber schuld" ist), wenn er sich an die Spielregeln internationaler Abkommen hält.

Denn bei aller berechtigten Kritik an der Person Grass und seinem "Gedicht": es hätte wohl kaum diese Resonanz erzeugt, wenn es sich dabei lediglich um platt rechtspopulistisches, antisemitisches Israel-Bashing gehandelt und nicht einen wunden Punkt berührt hätte. "Getroffene Hunde bellen", könnte man sagen - das Verbeissen in und Zücken von Beweisen für die Grasssche Unkenntnis bezüglich  Militärtechnologie und -strategie und für seinen latenten/strukturellen Antisemitismus scheint eher der Überlegung zu folgen, daß in vorerwähnter Stammtischrunde eifrig erlöstes Kopfnicken über den Inhalt des Gedichts einsetzen könnte, als über die tatsächlichen Verhältnisse in dem Konflikt aufklären zu wollen.

Daß allernorten der freundschaftliche Rat des deutschen Verteidigungsministers zur Kriegsstrategie der israelischen Streitkräfte als Zeugnis dafür herhält, daß man sehr wohl Israel "kritisieren" darf, ohne sich dem "Verdikt" auszusetzen, erklärt nämlich nicht im Geringsten das Schweigen im Blätterwalde zur Atomwaffen-, Siedlung- und Apartheidspolitik der israelischen Führung weg - Grassens Gedicht gibt dem Schweigen einen Namen.

Daß der Künstler auch in seiner Funktion nicht nur als Deutscher, sondern als - die entsprechende Offenbarung in einer dramatischen Orchestration Jahre früher vornewegchoreographiert - früherer Teilhaber an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit und erst späterer Eintrommler der Notwendigkeit ihres Schutzes (ausser, es geht um Hartz IV) und damit als Heuchler der Nation schreibt, der mit "letzter Tinte" sein schlechtes Gewissen in die Köpfe der Menschheit kotzen will, macht es - neben seinem grausigen Stil - besonders einfach, das Werk als besonders grelles, aber irgendwie deplaciertes, sozusagen "schlechtes" Stück Kunst zum späteren Spoofen, Covern, Remixen und Defacen vorzumerken - "Kunst" um der Aufmerksamkeit, nicht der Erleuchtung willen.

Es mag ja durchaus alles seine moralische, ethische, juristische und politische Legitimation haben, daß die Streitkräfte Israels - als Reaktion auf die Erfahrungen der Geschichte - militärische Einsätze erwägen, um das Existenzrecht ihres Staates zu sichern. Doch so geblendet kann Justizia gar nicht sein, um nicht das krasse Mißverhältnis zu erkennen, mit dem im Diskurs unseres Kulturkreises die Problematik behandelt wird. Nach meinem Verständnis wäre die Haltung, Israel sei aus deutscher/europäischer/amerikanischer/westlicher Perspektive schonmal per se im Recht und unbedingt in allen Vorhaben zu unterstützen, zutiefst antisemitisch, da nationalistische, rassische und genetische Vor-Urteile einen aufrichtigen Schiedsspruch verunmöglichen. Doch genau dieser faktenferne, antisemitische Philosemitismus, wie ihn Broder und die Antideutschen von der Bahamas-Fraktion sich nicht besser hätten ausdenken können, zieht sich quer durch die hiesige Berichterstattung - kaum ein Wort davon, warum eigentlich fast die gesamte Nachbarschaft Beef mit dem "zionistischen Regime" hat, beziehungsweise, was es den islamistischen Einpeitschern überhaupt so leicht macht, Hass gegen den Judenstaat zu schüren. Das wäre aber Aufgabe eines unabhängigen und lediglich der Wahrheit verpflichteten Journalismus - dem Leser das Wissen um die tatsächlichen Verhältnisse an die Hand zu geben, sich ein eigenes Urteil bilden zu können (wie Ken Jebsen es unter der Narrenkappe tun durfte, bis seine Sendung Knall auf Fall aufgrund des - Überraschung - Antisemitismusvorwurfs vom RBB abgesetzt wurde)! Und wenn "das Schweigen" noch gepaart mit immerwährender Schmährede und einseitiger Berichterstattung gegen einen äußerst gefährlichen, da "irren", Feind "aus Teheran" daherkommt, der noch viel verrückter und noch näher dran an noch viel gefährlicheren Massenvernichtungswaffen ist als seine Nachbarn, deren Völker man wenige Jahre zuvor zur Abwendung von Schlimmerem "befreit" hatte, es waren, drängt sich der Verdacht der Manipulation und Kriegstreiberei geradezu auf, und mittendrin trommelt Grass sein Blech dazu.

Der "Prozess" wäre dann fair, wenn man, anstatt das "Existenzrecht Israels" von den Drohgebärden seiner Nachbarn gefährdet und folgerichtig die Gegendrohungen als völlig legitim darzustellen, zionistische und islamistische Hassprediger, und mit ihnen ihre ismischen Verstümmelungen und Verdrehungen, gleichermassen aus dem Diskurs ausschließen würde... gerade las ich das Wort von Yitzhak Rabin:


Zitat Yitzhak Rabin:
Man muss so hart gegen die Terroristen vorgehen, als gäbe es keine Verhandlungen und man muss die Verhandlungen so weiter führen, als gäbe es keine Terroristen.


Nicht zuletzt, weil Antisemitismus (und Xenophobie allgemein) ubiquitäre Phänomene sind (die, wie ich glaube, allesamt in einer gemeinsamen Menge an Miß- und Unverständnissen wurzeln), kommt der Verweis auf die Drohungen radikaler Islamisten zur Rechtfertigung kriegerischer Akte dem ismischen Versuch gleich, sich mit einem brennenden Streichholz neben ein Pulverfass zu stellen und dieses dann für seine eventuelle Detonation verantwortlich zu machen. Mehr noch: solange sich die Parteien gegenseitig ihre radikalen Zionisten und Islamisten vorhalten, anstatt jene friedliebenden Kräfte und Stimmen der Vernunft die Verhandlungen führen zu lassen, die aufrichtig am gemeinsamen Gedeih interessiert sind, wird es - ausser nach einem nuklearen Holocaust - keinen Frieden, der diese Bezeichnung verdient, in der Region geben.


Zitat Der Ismus:
Ohne den Ismus ist es vielleicht einfacher, darüber zu verhandeln, worauf man für das, was man braucht - Seelenfrieden, Rohstoffe, Ausrüstung - zu verzichten, was zu geben man bereit ist - Arbeit, Raum, Freizeit. Bedenken wir, daß es besonders für Ältere schwierig ist, sich an die Bedingungen der Zeit anzupassen; und wenn eine Bedingung der Zeit, in der wir leben, darin besteht, eine Lösung für alle herbeizuführen und Frieden zu schaffen und den angerichteten Schaden zu beheben, ohne den Großen Ismus vorzuschieben, wird die Herausforderung darin bestehen, die kommende Generation nicht an Geist, Körper und Seele zu verstümmeln - einfach durch bewußtes Unterlassen des Aktes der Verstümmelung.


antwort mit zitat

BansheeOne

(verfasst: Donnerstag, 12. April 2012, 19:40) #

Ach, letztlich hat fast niemand persönlich etwas gegen jemanden aufgrund unterschiedlicher Nationalitäten. Was nicht ausschließt, dass größere Teile eines Staatsvolkes mit oder ohne gewissenhafte Information und Abwägung aller Tatsachen den Einsatz militärischer Mittel zur Abwehr einer echten oder eingebildeten Bedrohung befürworten, die von einem anderen Staat ausgeht. In einer Demokratie gibt es dazu natürlich meist sehr unterschiedliche Standpunkte, die in lebhafter Diskussion ausgetragen werden (und man versichert mir glaubhaft, dass wenige Diskussionen lebhafter ausgetragen werden als in Israel, auch und gerade zum Kurs gegenüber Iran).

Die Kunst der Politik in der Demokratie besteht letztlich darin, den Mehrheitswillen soweit zu erfüllen, dass man hoffentlich wiedergewählt wird - und Verantwortung manchmal darin, nach bestem Wissen und Gewissen gegen den Mehrheitswillen zu handeln, und dafür die Abwahl in Kauf zu nehmen. Oder wie die bisherige Oppositionsführerin Tzipi Livni, die statt Netanyahu Premierministerin hätte werden können, wenn sie auf die Forderungen der Ultraorthodoxen eingegangen wäre, gerade nach verlorener Abstimmung für die nächste Spitzenkandidatur ihrer Partei sagte:
"Das ist das Ergebnis - und ich gehe jetzt schlafen."

Wobei der Spruch mit den Familienangehörigen, die Politiker angeblich nie in den Krieg schicken würden, auch so ein abgekauter ohne Realitätsbezug ist - schließlich schickt man nicht einzelne Söhne und Töchter bestimmter Leute, sondern geschlossene Verbände in den Einsatz; und die Schnittmenge zwischen Bevölkerung und Armee ist vielleicht nirgendwo größer als in Israel, wo die Wehrpflicht sowohl Männer als auch Frauen erfasst und kein Ersatzdienst in unserem Sinne existiert, und wo die Mobilmachungsstärke glatte zehn Prozent der Einwohner beträgt (zum Vergleich die alte Bundesrepublik während des Kalten Krieges: zwei Prozent). Netanyahus Sohn Yair ist gerade selbst Grundwehrdienstleistender und hat prompt 21 Tage Disziplinararrest wegen unerlaubter Abwesenheit von der Truppe gekriegt.

Wahrscheinlich muss man auch weder Netanyahu noch Verteidigungsminister Barak über die persönlichen Risiken des Soldatseins belehren, denn beide waren mal Mitglieder der Spezialeinheit Sayeret Matkal und an der Befreiung des gekaperten Sabena-Flugs 571 beteiligt, wobei Netanyahu verwundet wurde (wohl durch Feuer der eigenen Leute); Barak ist später noch als Frau verkleidet bei Kommandounternehmen gegen die PLO in Beirut rumgehüpft, Netanyahu hat seinen älteren Bruder Yoni bei der Geiselbefreiung in Entebbe verloren (und ein mir bekanntes ex-Sayeret-Mitglied grummelt immer, wie Bibi auf seinem Dienst rumreitet, obwohl er seinem Bruder nicht das Wasser reichen konnte).

Und natürlich relativiert sich die Sache mit der direkten Gefahr etwas, wenn man in einem "Ein-Bomben-Land" lebt; wobei ich ja schon gesagt habe, dass das physische Ausradieren Israels per Atombombe selbst dann unwahrscheinlich wäre, wenn der Iran welche bekäme, aber die Gefahr eines iranischen Gegenschlags über den Umweg Hisbollah etc. im Falle israelischer Luftschläge ist durchaus real - auch wenn die Regierung Netanyahu dabei angeblich mit "nur" 300 Toten kalkuliert. Allerdings: bereits jetzt lebt fast die gesamte Bevölkerung des Landes in Reichweite von Raketen aus dem Südlibanon und Gazastreifen, die immer mal wieder geflogen kommen. Das sind auch Leute, die in der Demokratie ihren Standpunkt vertreten, und recht wahrscheinlich lautet der, dass die Regierung verdammtnochmal was dagegen unternehmen solle. Wozu auch gehört, den Iran daran zu hindern, im Schutz von Atomwaffen Hisbollah und Co. weiter aufzurüsten, womit wir wieder am Anfang wären.

Selbstverständlich kann man dann auf moralischer Basis verurteilen, dass Israel letztlich sein Überleben selbst der nuklearen Abschreckung anvertraut, aber das internationale Staatensystem ist letztlich als solches weitgehend anarchisch ohne übergeordnete Instanz - trotz der Entwicklung seit dem Jugoslawienkrieg, auch innere Angelegenheiten zur Sache der Weltgemeinschaft zu machen, was zum Internationalen Strafgerichtshof, aber auch zur NATO-Intervention in Libyen geführt hat. Dennoch sind die Spieler souverän und können nur auf das verpflichtet werden, was sie freiwillig unterschreiben, sei es die UN-Charta oder der Atomwaffensperrvertrag. Der natürlich auch nicht auf einer wirklich festen moralischen Basis steht, da er die fünf "offiziellen" Atommächte schlicht aufgrund ihres zeitlichen Vorsprungs bei der Kernwaffenentwicklung privilegiert.

Allerdings hatten die meisten anderen Nationen ein Interesse daran, eine weltweite finanziell ruinöse Nuklearbewaffnung zu verhindern, und Länder wie die Schweiz und Jugoslawien konnten ihre eigenen Entwicklungsprogramme beruhigt einstellen (die Schweizer haben ihr Plutonium damals so gut in einem ihrer zahllosen Bunkerstollen versteckt, dass sie es erst in den 90ern wiedergefunden haben) und die ganze Abschreckungssache den Großen überlassen. Länder wie Indien, Pakistan und eben Israel, die sich der Bedrohung durch überlegene Nachbarn ausgesetzt sahen und nicht in Bündnissysteme integriert waren, setzten allerdings das Interesse an einer eigenen Atombewaffnung höher an.

Und letztlich bekam Israel die notwendige Technologie schon vor Inkrafttreten des Vertrages 1970 aus Frankreich - das seinerseits erst 1992 unterzeichnete. Völkerrechtlich ist da also nichts auszusetzen, und wer die Vertragsauflagen nicht erfüllen möchte, kann im Übrigen jederzeit mit dreimonatiger Kündigungsfrist austreten, wie es Nordkorea getan hat. Freilich hat Israel ohnehin ein etwas gespanntes Verhältnis zu den Institutionen der Weltgemeinschaft, was aber zumindest teilweise damit erklärt werden kann, dass die zahlreichen UN-Resolutionen gegen sein Handeln üblicherweise von denselben Verdächtigen angestrengt wurden, die 1948 den UN-Teilungsplan für Palästina ablehnten und ihre arabischen Brüder dort aufforderten, mal kurz aus dem Weg zu gehen, während man die Juden ins Meer treiben würde.

Bekanntlich hat das damals nicht so ganz geklappt, und die verdammten Juden haben seither unter schamloser Ausnutzung ihrer vielfachen zahlenmäßigen Unterlegenheit mehr von dem 1948 von Jordanien und Ägypten besetzten Palästina umbesetzt als, wie sich herausstellt, für eine Demokratie gut ist. Wobei auch der verbreitete Eindruck von dem, womit Israel angeblich durchkommt, seltsam verzerrt ist, denn es ist ja nicht so, als ob sich seit 1945 kein anderer Staat nebenliegende Gebiete unter den Nagel gerissen hätte; das geht in der Größenordnung von China mit Tibet über Marokko mit der Westsahara bis zu - man glaubt es kaum - den Iran, der sich bei Gründung der Vereinigten Arabischen Emirate mal eben einiger zugehöriger Inseln im Persischen Golf bemächtigte, was freilich nur einige hundert Familien betrifft. Entschlossenes Handeln der empörten Weltöffentlichkeit wäre auch in diesen Fällen nicht zu verzeichnen.

Ähnliches gilt für Luftschläge und militärische Interventionen zur Durchsetzung eigener Interessen außerhalb der eigenen Grenzen. Lässt man mal UN-mandatierte Operationen und die fünf Vetomächte des Sicherheitsrates außer Acht, die ja im Wesentlichen sowieso machen können, was sie wollen, ist die alphabetische Liste immer noch eindrucksvoll: Ägypten griff im jemenitischen Bürgerkrieg ein, Kolumbien räucherte Terroristencamps der FARC in Ecuador aus, Kuba unterstützte Gleichgesinnte in zahlreichen afrikanischen Kriegen - am bekanntesten mit bis zu 50.000 Mann in Angola -, Libyen flog Bombenangriffe im Tschad, Saudi-Arabien bombardiert immer mal wieder Terroristen im Jemen und die Türkei rückte regelmäßig gegen die PKK im Nordirak ein.

Dann wäre da noch die Tatsache, dass der bereits genannte Reaktor Osirak nicht zuerst von den Israelis bombardiert wurde, sondern von - den Iranern. Die anschließend den Israelis ihre Erfahrungen für den eigenen Angriff zukommen ließen, wie man überhaupt gegen den gemeinsamen Feind Saddam Hussein während des Golfkrieges der 80er Jahre ganz hervorragend zusammenarbeitete. So half Israel gerne mit Ersatzteilen für iranische Flugzeuge aus, die nach der islamischen Revolution unter US-Embargo standen. Die Ironie ist so dick, dass man sie mit dem Messer schneiden könnte, und alles hätte so schön sein können, wenn der Iran sich im sunnitisch-schiitischen Konflikt nicht als islamische Führungsmacht hätte profilieren wollen und auf die Palästina-Geschichte aufgesprungen wäre, um in der arabischen Welt street cred zu sammeln. Und da stehen wir nun, 30 Jahre später.

Worauf das rausläuft ist, dass Israel letztlich nichts besonderes ist - außer im Auge des Betrachters, zumal natürlich des deutschen. Und ja, natürlich instrumentalisieren israelische Regierungen regelmäßig den Holocaust - was aber nicht heißt, dass diese geschichtliche Erfahrung nicht wirklich eine bestimmende Grundlage für die israelische Politik des "nie wieder", des "wir können uns auf keinen anderen verlassen" und von Israel als des einzig wirklich sicheren und auch mit allen Mitteln zu sichernden Zufluchtsorts aller Juden der Welt wäre. Und auch da wieder: Andere Regierungen instrumentalisieren andere Dinge ebenso, oft mit den besten Absichten - der Klimawandel drängt sich als Beispiel auf.

Oh ja, und je weniger man über die Primadonnen der Spätnachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sagt, desto besser. Claus Kleber ist da allemal noch besser als der alte Ulli Wickert, der die Tagesthemen ganz selbstverständlich als Verkündigungsplattform privater Angelegenheiten und Meinungen nutzte. Immerhin trieb Kleber sein Sendungsbewusstsein nicht so weit, dass er mit Ahmadinejad eine Debatte über Holocaustleugnung anfing - was nicht der Job eines Interviewers ist, und wofür er anschließend trotzdem prompt kritisiert wurde. Und letztlich nimmt auch da wieder jeder Zuschauer mit, was er gern in das Gesehene und Gesprochene hineininterpretieren möchte und erschießt im Zweifelsfall den Boten (hier: Journalisten) wenn ihm die Nachricht nicht gefällt.


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It has been usual for men to think and to say, "Many men are slaves because one is an oppressor; let us hate the oppressor." Now, however, there is among an increasing few a tendency to reverse this judgment, and to say, "One man is an oppressor because many are slaves; let us despise the slaves." The truth is that oppressor and slave are cooperators in ignorance, and, while seeming to afflict each other, are in reality afflicting themselves.

James Allen (As A Man Thinketh, 1902)






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