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Piraten, Piraten, überall Piraten!
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BansheeOne

Piraten, Piraten, überall Piraten! (verfasst: Dienstag, 1. Mai 2012, 17:50) #

Könnte man jedenfalls meinen, wenn man derzeit die Presse verfolgt. Was vielleicht daran liegt, dass Journalisten - soweit sie sich zu einer Parteipräferenz bekennen - laut diverser jüngerer Erhebungen überproportional den Grünen zuneigen, die sich von den politischen Newcomern besonders bedroht sehen. Denn die sind natürlich alles, was die Grünen mal waren, aber längst nicht mehr sind: jung, cool, wild und irgendwie anders. Das könnte auch die zahlreichen Artikel auf Spiegel Online über frauenfeindliche und rechte Tendenzen bei den Piraten erklären. Obwohl die taz als grüne Hauszeitung gerade darauf hingewiesen hat, dass die Ökopaxe zu Beginn ihrer parlamentarischen Karriere auch so ihre Problemchen mit missglückten Nazi-Vergleichen hatten.

http://www.taz.de/!92073/

Wobei die Grünen natürlich nicht die einzigen sind, denen die Piraten Wähler abspenstig machen. Sicherlich haben auch einige enttäuschte FDP-Anhänger hier einen neuen Andockpunkt für ihre freiheitlichen Ideale gefunden. Als Partei in der Entwicklungsphase, von der man über wenige Kernthemen hinaus noch nicht so recht weiß, wofür sie überhaupt steht, bieten sie natürlich aber vor allem eine ideale Projektionsfläche für die Wünsche Unzufriedener, die - wenn sie denn überhaupt zur Wahl gehen - "gegen das System" stimmen und dabei vorher am ehesten bei der Linken landeten, im Einzelfall wohl auch mal bei der NPD. Da sind die Piraten bestimmt eine für alle Beteiligten angenehmere Alternative. Außer natürlich für die Linke, die bislang in Deutschland die Populismus-Nische besetzt hat, die in den meisten anderen europäischen Ländern von rechten Parteien ausgefüllt wird.

Vor allem aber haben die Piraten Nichtwähler aktiviert, was in einer an Partizipationsschwund leidenden Demokratie natürlich schon grundsätzlich erfreulich ist. Selbstverständlich ist viel davon dem Hype geschuldet; die "Stammwähler" dürften gegenwärtig vielleicht bei zwei Prozent des Elektorats liegen, die restlichen acht bis zehn Prozentpunkte sind Laufkundschaft. Auch das ist natürliches Merkmal einer Partei im Entstehungsprozess gegenüber etablierten, deren Stammwähler vielleicht zwei Drittel zu ihren Wahlergebnissen beitragen. Wir sehen aber am Beispiel der Grünen, wie schnell sich Spitzenwerte in besonderen Situationen - wie im letzten Jahr, als man deutschen Medien entnehmen mögen konnte, dass Fukushima 15.000 Opfer gefordert hat (Tsunami? Was für ein Tsunami? Hallo, liebe grünwählende Redakteure!) - wieder auf Normalmaß reduzieren.

Auch die FDP profitierte bei der letzten Bundestagswahl von konservativ-wirtschaftsliberalen Wählern, denen der Staatsdirigismus der Großen Koalition in der Finanzkrise zu weit ging. Enttäuscht man aber die geweckten Hoffnungen, gehen irgendwann auch Stammwähler flöten, deren Potenzial die Liberalen gerade erst mühsam zurückgewinnen und sich von unten wieder an die Fünf-Prozent-Hürde herantasten. Das ist natürlich auch eine Gefahr für die Piraten, die dem kometenhaften Aufstieg innewohnt. Schon gibt manchem der eigene Erfolg zu denken, denn eigentlich wollte man doch gegen das System arbeiten, und jetzt drohen Abgeordnetenmandate, Fraktionsgeschäftsführer, Plenarredezeitverteilungen und Erklärungen zum Abstimmungsverhalten nach Paragraf 31 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages ...

Damit wäre man dann allerdings schon weiter gekommen als andere rasch verblühte Modeerscheinungen wie die Statt-Partei. Und immerhin haben die Piraten über das allgemeine Wutbürgertum und diffuse Unbehagen über "die da oben" hinaus tatsächlich eine von den anderen Parteien vernachlässigte konkrete Lücke besetzt und einem wichtigen Aspekt des Lebensgefühls der jüngeren Generation Ausdruck verliehen. Wie die Grünen sich ursprünglich aus der Umwelt- und Friedensbewegung speisten, sind die Piraten Ausdruck der profunden Veränderung der Lebensrealität durch das Internet, von dem die meisten Politiker der etablierten Parteien - man muss es ja so hart sagen - keinen blassen Dunst haben.

Natürlich sind sie zugleich eine Manifestation der "Gimme"-Generation, die in Frieden und Wohlstand aufgewachsen ist und vom Staat vor allem erwartet, dass er einem den persönlichen Entfaltungsraum garantiert und ansonsten nicht behelligt. Oder auf piratisch: Musik und Filme kann man ja für billig bis lau aus dem Netz runterladen, und für die Künstler gibt's ja dann das bedingungslose Grundeinkommen. Wobei das natürlich alles eine Sache der Interpretation und deren effektiver Kommunikation ist; wie nach dem Erfolg der Grünen alle anderen Parteien die Umwelt für sich entdeckten, redet ja mittlerweile jeder von der Reformbedürftigkeit des Urheberrechtes.

Auch die Sache mit dem Grundeinkommen ist ja ganz sympathisch und von bestechender Einfachheit wenn man sie so versteht, dass einfach jeder das jetzige Hartz IV bekommt und das ab einem gewissen Gesamteinkommen über die Steuer wieder eingezogen wird, womit man sich den ganzen monströsen Verwaltungsaufwand und dadurch wahrscheinlich effektiv sogar Geld spart. Die Idee ist natürlich auch nicht neu, bei der FDP hieß das damals Bürgergeld. Wer sich allerdings darunter vorstellt, der Staat würde einem künftig Wohnung, Fernseher, Stereoanlage, Handy, Computer und Internetanschluss finanzieren, über den man dann unbegrenzt downloaden kann, wird zwangsläufig enttäuscht werden; wie Margaret Thatcher mal gesagt hat ist ja das Problem am Sozialismus, dass einem irgendwann das Geld anderer Leute ausgeht.

Aber auch von den beiden Säulen der Grünen wurde nur die eine von allen anderen übernommen, von der anderen - Pazifismus - ist spätestens seit der ersten Beteiligung an einer Bundesregierung nicht mehr viel übergeblieben. Es gibt halt ein hässliches Geräusch, wenn Ideale mit der Realität kollidieren. Transparenz und Urheberrechtsreform ist bei den Piraten das, was absehbar Allgemeingut werden könnte, allzu utopische Vorstellungen von materieller und persönlicher Unabhängigkeit sind das andere. Dennoch haben sie eigentlich gute Aussichten, wenn sie den Formierungsprozess überleben, vor allem die inhärenten Widersprüchlichkeiten des von ihnen belegten Freiheitsbegriffs unter Kontrolle kriegen und nicht zu früh durch die Zwänge einer Regierungsbeteiligung enttäuschen.

Apropos Pazifismus, der neue Vorsitzende ist ja hauptberuflich Regierungsdirektor im Führungsstab des Verteidigungsministeriums. Das macht ihn mir natürlich sofort sympathisch und ist auch ganz praktisch, denn als Piratenkapitän sollte man selbstverständlich über gewisse militärische Grundkenntnisse verfügen. Wenn man böse wäre, könnte man da natürlich auf Gedanken kommen, denn die politische Kraft, die dem Aufstieg der Piraten am gelassensten gegenübersteht, sind logischerweise CDU/CSU. Denn solange diese sich nicht an einer Regierung beteiligen - was ein Wagnis wäre, sowohl für ihre etablierten Partner als auch für sie selbst, aus obengenannten Gründen - verhindern sie auf absehbare Zeit rot-grüne Koalitionen und sichern einer mit einem marginalen liberalen Partner geschlagenen CDU die Regierungsführung. In Berlin richtet sich jedenfalls alles auf große Koalitionen unter Unionsführung ein.

Daher lasst uns doch mal zu Experimentierzwecken eine neue Verschwörungstheorie starten: Die Piraten sind eine False-Flag-Operation der CDU. Weitersagen.


antwort mit zitat

Akareyon

(verfasst: Samstag, 5. Mai 2012, 14:13) #


Weitersagen.

Geschehen.

Derweil reff ich dann mal die Segel und mach die Leinen shitstormfest :-) In letzter Zeit wurde so viel erbarmungswürdig falsches und so viel gutes und richtiges über die Piraten geschrieben, daß ich auch schon drauf und dran war, mich zum Thema auszulassen. Man erwartet vielleicht Feuerhilfe von mir für das nun fast schon hochseetaugliche Piratenschiff, spätabendlicher Dialog nach dem Wuppertaler Ölbergfest mit einer flüchtigen Bekannten in der S-Bahn: "Bist Du politisch?", fragte sie. "Ja, sehr. - Du bist doch bestimmt für die Piraten, oder? - Nö, ich bin für die Demokratie."

Hintergrund für mich: es war zu jener Zeit, als plötzlich überall "Nazis" an die Oberfläche schwappten (während die Flaggschiffe des politischen Gegners diese schon ab Werft als Kielballast nutzen). Und da einige aufgrund von Forderungen und Äußerungen, die per se für mich durch und durch logisch und verständlich waren und offenbar aus so ehrenwerten wie nachvollziehbaren Beweggründen vorgebracht wurden, sich mit Rücktrittsforderungen und Parteiausschlußverfahren konfrontiert sahen, während der NRW-Landeskäpt'n im Spiegel folgendermaßen zitiert wurde: "Die Vorstellung, dass die Basis bei jedem Thema gefragt werden muss, ist Bullshit! Das geht in der Politik nicht."

Was das angeht, nehme ich die Piraten von der Leeseite. Marsching erklärt sich zwar, setzt dann aber nach:

Was lernen wir daraus? [...]
4. Ein Großteil der Piraten wartet freundlich und geduldig auf eine Stellungnahme.
5. Einige Schreihälse tun das mal wieder nicht.

Klarer Trugschluß, denn ohne die "Schreihälse" bräuchte es keine Stellungnahme. Als Basisdemokrat und Freund der Transparenz sollte er froh sein, daß solche Sätze Anstoß erregen, Luftsprünge vor Freude machen, wenn die Besatzung ob solcher Anmaßungen zu murren und zu meutern beginnt und ihm so Gelegenheit gibt, ein frei erfundenes Zitat bloßzustellen und ein paar klärende Worte "Über den Begriff der Basisdemokratie" zu verlieren. Doch genau das tut er nicht, sondern zitiert aus dem Transkript des Mitschnitts, und was er tatsächlich gesagt hat, finde ich viel schlimmer.

Wohl gibt er klar zu erkennen, daß er um die Nachteile der repräsentativen Demokratie weiß:

sicherlich wollen wir das jeder bei uns mitmacht und wir sind eine Mitmach-Partei. Wir machen ‘Mitmach-Demokratie’. Aber das hat nichts damit zu tun – und das können wir auch einfach irgendwann aus rein logistischen Gründen nicht mehr bewerkstelligen – das Jeder zu jedem Thema am Ende…, oder nein anders, dass die gesamte Basis zu jedem Thema am Ende eine Abstimmung gemacht haben muss. Das wird irgendwann nicht mehr funktionieren, das funktioniert jetzt schon nicht mehr! Wenn wir 4500 Mitglieder in NRW haben, es kommen 300 zum Parteitag, dann sind das – keine Ahnung, rechnet es aus – 7%, d.h. 7% der Mitglieder sind ‘die Basis’. Das sind sie einfach nicht. Das stimmt nicht. Also wir sind keine Basisdemokratie, wir sind eine… eine Partei der Aktiven, denn nur wer zum Parteitag kommt hat tatsächlich das Recht abzustimmen und was wir viel mehr machen müssen ist, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie wir diejenigen einbeziehen, die eben nicht zum Parteitag kommen können. ‘Ich hab keine Zeit’, ‘Ich muss arbeiten’, ‘Ich habe ‘n Kind’, ‘Ich hab kein Geld’. Wir können diese Leute auch bei unseren Entscheidungen mitmachen? Und wir müssen einfach mit einbeziehen, dass es eine Politik oder eine Tagesaktualität gibt – nicht Tages… – das es eine Aktualität gibt wie: Um 13Uhr schellt’s Telefon und der Achim sagt ‘Ey wir haben Neuwahlen!’ und um 17Uhr muss ich bei Phoenix eine Aussage treffen. Da kann ich vorher keine Meinung der Basis einholen. Da rede ich mit den 10 Leuten die gerade so rum schwirren, an die ich ran komme und dann gebe ich eine Aussage.”

Das häßliche Kollisionsgeräusch, das Du beschreibst, hört sich hier in meinem Kopf an wie ein lautes, knallartiges Rummsen, das bei SloMo mit einem fiesen Knirschen im Ultraschallbereich anfängt - letztlich wieder eine Parallele mit den Grünen, über die jemand schreibt, die kantigen Steine seien im Flußbett des parlamentarischen "Demokratie"betriebs rundgeschliffen worden.

Es kann m.E. kein Zufall sein, daß es der Sage nach ausgerechnet das Plädoyer des Polit-Autisten Jar Jar Binks ist, das die Tyrannei des Galaktischen Imperiums auslöst. Bereit, willig und bereitwillig soll sich den Diktaten herkömmlicher Politik unterworfen werden, anstatt endlich der eigentlichen Forderung Ausdruck zu verleihen, gerade diese demokratiefeindlichen und intransparenten Mechanismen auszuhebeln und durch direktestmögliche Beteiligung an den Entscheidungsfindungsprozessen all jener, um deren Leben es geht, zu ersetzen.

Denn: es geht nicht und ging nie darum, daß "die gesamte Basis zu jedem Thema am Ende eine Abstimmung gemacht haben muss", mit anderen Worten, daß sich der Staat in jede kleinste Angelegenheit einmischen können soll, sondern im Gegenteil darum, daß jeder an der "Basis" zu jedem ihn betreffenden Thema am Ende eine Möglichkeit gehabt haben muß, an der Entscheidungsfindung teilzunehmen. Es gibt einen Unterschied, ob "die EU" (der Theorie nach also die  Bürger Europas, vertreten durch demokratisch legitimierte Beamte) einem Kleinbauern mit unschlüssigen Begründungen verbietet, bestimmte Pflanzen anzubauen, oder - das andere Extrem angenommen - ob jeder, der die Pflanzen schlicht nur gern hat, sein Veto gegen einen solchen Gesetzesentwurf einlegen kann - eben weil Demokratie (und all die anderen christlichen/abendländischen Werte) - zumindest der Eigenwerbung nach - das Kleine und Schwache nicht geringer achten als das Große und Starke, besonders nach den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts.

Die Breitseiten der obrigkeitshörigen Kommentatoren haben ihr Ziel nicht verfehlt: die Segel, die einst in der steifen Brise der Freiheit bauschten, hängen zerfetzt und mühsam geflickt von den Rahen. Was einst als utopische, existenziell liberale, soziale, zutiefst demokratische Bewegung begann, verfängt sich im Mahlstrom des Medienkalküls und Machtinteresses. Dinge dürfen nicht mehr laut gedacht werden, weil sie das Ansehen der Partei schädigen könnten. Tolle Liekendeeler sind das, die sich nicht geschlossen vor ihren Mann stellen (um ihn erst, wenn es sonst keiner sieht, das Deck schrubben lassen), sondern ihn auf Zuruf vom anderen Boot hin über die Planke schicken.

Das würde mich alles nicht zutiefst ärgern, wenn ich mich nicht grundsätzlich den Piraten verbunden fühlte - ich möcht manchmal fast meinen, die haben bei mir abgekupfert. Ich hab zum Beispiel sehr gefeiert über diesen Leserkommentar bei der FAZ:

Zitat Dr. rer. nat. Manfred F. Lepold:
Im Dritten Reich wurde schon 2 x 2 = 4 multipliziert. Deshalb darf man heute nur noch 2 + 2 = 4 addieren.

zu "Piratenpartei: Shitstorm der Etablierten"

[cartman]Wie geil![/cartman]

Denn damit zum Kern:

Zitat BansheeOne:
Auch die Sache mit dem Grundeinkommen ist ja ganz sympathisch und von bestechender Einfachheit wenn man sie so versteht, dass einfach jeder das jetzige Hartz IV bekommt und das ab einem gewissen Gesamteinkommen über die Steuer wieder eingezogen wird, womit man sich den ganzen monströsen Verwaltungsaufwand und dadurch wahrscheinlich effektiv sogar Geld spart. Die Idee ist natürlich auch nicht neu, bei der FDP hieß das damals Bürgergeld. Wer sich allerdings darunter vorstellt, der Staat würde einem künftig Wohnung, Fernseher, Stereoanlage, Handy, Computer und Internetanschluss finanzieren, über den man dann unbegrenzt downloaden kann, wird zwangsläufig enttäuscht werden; wie Margaret Thatcher mal gesagt hat ist ja das Problem am Sozialismus, dass einem irgendwann das Geld anderer Leute ausgeht.

Genau das gleiche Problem zeitigt das jetzige Verrechnungsgefüge der Wirtschaft nämlich ebenfalls, just in diesen unseren Tagen, und noch nichteinmal die Piraten wagen, von der geheimen Schatzkarte zu berichten. Denn selbst, wenn man das "bedingungslose Grundeinkommen" (das nicht das geringste mit Hartz IV zu tun hat, weil die behördliche Bevormundung aufgrund der im Namen vorangestellten Bedingungslosigkeit nicht gegeben wäre) genau so verstehen würde: als grundgesetzesmäßige Erfüllung der Garantie des Zugangs zu Nahrung, Kleidung, Obdach und Kultur - ist die Enttäuschung nur dann vorprogrammiert, wenn man den Kapitalismus (wie es der Sozialismus und der Kommunismus getan haben) lediglich verstaatlicht und weiterhin mit doppelter Buchführung herumhantiert, anstatt das Verrechnungssystem "Geld" selbst auf den Prüfstand zu stellen. Die Einführung eines BGE bei ansonsten gleichbleibenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (Fiat-Währungen z.B.) würde entweder eine Inflation und/oder andere unerwünschte Schmerzumgehungsmotoriken auslösen, die Machtkartelle indes kein bisschen ankratzen. Traue halt keiner Idee, die Milton Friedman gut fand - insofern hat die von Dir vorgeschlagene Verschwörungstheorie einige Glaubwürdigkeit.

Besonders deswegen:

Zitat BansheeOne:
Als Partei in der Entwicklungsphase, von der man über wenige Kernthemen hinaus noch nicht so recht weiß, wofür sie überhaupt steht, bieten sie natürlich aber vor allem eine ideale Projektionsfläche für die Wünsche Unzufriedener, die - wenn sie denn überhaupt zur Wahl gehen - "gegen das System" stimmen [...]

...sie wissen das, sie nutzen das, und sie kokettieren damit. Das ist gefährlich, zumal sich da schon wieder die NSDAP-Analogien aufdrängen. Anders als damals ist der Pizza-Nachschub weitestgehend gesichert. Der Verlust der Freiheit macht sich heute anders bemerkbar, provoziert Widerspruch und hilflosen Protest, der sich am besten mit der Vortäuschung einer Wahlmöglichkeit kanalisieren läßt - in einer Parteien"demokratie" bietet sich dafür die Form einer Protestpartei geradezu an.

Denn nun können auch die {Protest/Nicht}-Wähler das existierende Entscheidungsfindungssystem mit einem Kreuzchen legitimieren und sich in dem ruhigen Gewissen sonnen, für die nächsten vier Jahre ihre demokratische Pflicht getan zu haben.

Bei allem Zynismus bleibt jedoch die Hoffnung, daß die Piratenpartei es ernst meinen könnte mit der direkteren Bürgerbeteiligung und wirklich endlich Mittel und Wege nutzt, die durch das Internet veränderten Voraussetzungen zum Wohle der Völkerschaften einzusetzen; daß sie es sozusagen schaffen, zumindest eins und eins zusammenzuzählen: Basisdemokratie -> logistische Probleme +  Internet -> Wegfall logistischer Probleme = Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Einigkeit, Recht, Freiheit, Friede, Freude, Liebe, Pfannekuchen (bedingungslos).

Arrrrr!


antwort mit zitat

Akareyon

(verfasst: Samstag, 5. Januar 2013, 20:15) #


Die Piraten müssen 2013 in den Bundestag, nur die garantieren ihre [Merkels] Wiederwahl. (als Merkel:) "Was glauben Sie, wer die Partei mal mitgegründet hat?"

Noja, des war jetz Quatsch. Neein, warum sollte die Merkel 'ne neue Partei gründen, 'ne Partei ohne Ideen, ohne Profil und ohne Charakter?


Urban Priol, http://www.youtube.com/watch?v=nY_p4cjTwfw (51:27)


antwort mit zitat

BansheeOne

(verfasst: Sonntag, 6. Januar 2013, 15:51) #

Ich würde ja Urheberrechtsansprüche anmelden, aber die Beweisführung dürfte schwierig sein ... und irgendwie ist das Niveau nicht so, dass ich damit in Verbindung gebracht werden wollte.

Mittlerweile haben die Piraten ja unglücklicherweise demonstriert, was passiert, wenn man Politik wie ein schlecht bis gar nicht moderiertes Diskussionsforum betreibt - Spinner, Klugscheißer, Trolle und Nörgler übernehmen das Kommando, dass es gar nicht geben soll; denn Leute, die nicht konstruktiv arbeiten, haben immer Zeit. Die Chancen für die Wahlen dieses Jahres sehen nicht mehr so dolle aus, was sicherlich auch, aber eben nicht nur der negativen Berichterstattung im abgelaufenen Jahr geschuldet ist; die besten Leute haben sich in den internen Shitstorms verschlissen, und für professionelle Arbeit will keiner bezahlen. Schade eigentlich; ich bleibe dabei, dass für eine wirklich freiheitliche Kraft im deutschen Politikbetrieb nicht nur Platz, sondern auch dringender Bedarf ist.

Dem ist natürlich stets das Dilemma inhärent, das Freiheitlichkeit um jeden Preis zu immerwährender Diskussion und kaum jemals zu Entscheidungen führt, es sei denn durch die Tyrannei der Mehrheit - etwas, das die westliche Demokratie dezidiert auszuschließen sucht. Aber ich bin auch mittlerweile zu der Einsicht gelangt, dass es nicht nur kein ideales System der Balance zwischen Individualrechten und Gemeinwohl gibt, sondern auch kein ideales System für das immerwährende Austarieren dieser Balance. Alles ist in ständiger Bewegung, einschließlich der Ausgestaltung von Mechanismen zum Durchsetzen der Interessen von Gruppen und Einzelnen.

Die Abwesenheit visionärer Idealmodelle führt zu einer gewissen Phlegmatik gegenüber bestehenden Verhältnissen, aber beim Blick über den Tellerrand des Hochplateaus, auf dem wir Deutschen unsere Problemchen beklagen, könnte einen der Verdacht beschleichen, dass die weitgehende Stabilität dieser Verhältnisse nicht das schlechteste ist.

Wie auch immer - sollten die Piraten ein Nebelgeschoss der CDU gewesen sein, hätte man noch etwas an der Persistenz der Nebelladung arbeiten sollen. Die frühzeitige Verpuffung gefährdet nämlich zunehmend die ganzen schönen Modelle mit fragmentierten Parlamenten, in denen die Große Koalition die einzige Möglichkeit zur Regierungsbildung bleibt. Umso mehr, als die FDP weiterhin von unten und die Linke von oben an der Fünf-Prozent-Hürde kratzt; in Niedersachsen sieht es gar nach einem Drei-Parteien-Landtag aus, in dem die CDU auch als stärkste Kraft fast automatisch in der Minderheit wäre. Meine Jungs in Hannover sind jedenfalls schon seit einiger Zeit ziemlich nervös ...


antwort mit zitat

Akareyon

(verfasst: Mittwoch, 23. Januar 2013, 17:00) #


Zitat BansheeOne:
Aber ich bin auch mittlerweile zu der Einsicht gelangt, dass es nicht nur kein ideales System der Balance zwischen Individualrechten und Gemeinwohl gibt, sondern auch kein ideales System für das immerwährende Austarieren dieser Balance. Alles ist in ständiger Bewegung, einschließlich der Ausgestaltung von Mechanismen zum Durchsetzen der Interessen von Gruppen und Einzelnen.

Die Abwesenheit visionärer Idealmodelle führt zu einer gewissen Phlegmatik gegenüber bestehenden Verhältnissen, aber beim Blick über den Tellerrand des Hochplateaus, auf dem wir Deutschen unsere Problemchen beklagen, könnte einen der Verdacht beschleichen, dass die weitgehende Stabilität dieser Verhältnisse nicht das schlechteste ist.

Zu diesem Teil hatte ich eine großartige Replik, mit der ich auch die Foreneinstellungen testen wollte, damit die Posts nicht so doof wegen Cookie- und Login-Fehlern im Nirwana verschwinden, verfasst, da zerbröselt's mir die, weil im Prozess nebenan eine freecol-Session abstürzt.

Ich wollte nämlich ein bisschen abheben auf die "Abwesenheit visionärer Idealmodelle", und hätte u.a. aus Raphael Hythlodaeus' Utopiareisebericht von 1516 zitiert. Die Idealmodelle sind ubiquitär, fast jeder kennt den Replikator aus Raumschiff Enterprise und wurde so mit dem Konzept einer Überflusswirtschaft als Gegenkonzept zur jetzigen Mangel- und Verknappungsökonomie vertraut gemacht (s.a. Star Trek: The Next Genereation, S01E26 - Die neutrale Zone, Mai 1988).

Und ein bisschen geärgert habe ich mich über den Bürokraten, der mir an den Kopf warf, wenn's mir hier nicht gefalle, solle ich doch nach Afrika gehen.

Und die Phlegmatik hätte ich auf die Frustration zurückgeführt, die sich einstellt, wenn man merkt, daß eh egal ist, was man sagt, solange die Berufsbesserwisser ihre interaktive Wegbuh-Castingshow-Telenovela veranstalten und diese Schmierentragikomödie Staat, Politik und Regierung nennen dürfen.

Und dann hätte ich das Faß aufgemacht mit den verschiedenen Weltanschauungen: ist der Mensch, an sich, jeder Einzelne, alle zusammen, so doof, daß ersiees der liebevollen, selbstlosen und aufopfernden Verantwortungsübernahme durch einige dank Talent, Herkunft, Wesen oder Bildung speziell befähigte Repräsentanten und Vertreter bedürfen - oder traut man ihm schon zu, ganz gut selber zu wissen, was gut für ihn ist, ja, zu welchem Grad darf man den Menschen eigen-mächtig und autonom mit seiner Umwelt kommunzieren lassen?

Alles futsch, aber ich las gerade Sascha Lobos S.P.O.N., der war inspiriert durch diesen Tweet von @Fluff:

"Das ist doch Absicht dass man sich bei MEGA immer verliest… The Privacy Company und The Piracy Company".
Es ging hier wohl um Kim Dotcoms neuen Filesharingdienst.

Lobo projiziert ein wenig:
Der Grund [...] liegt exakt in der eventuell beabsichtigten Verwechselbarkeit von "Privacy" und "Piracy". Die Filesharing-Plattform Mega verbindet diese Pole unauflösbar. Genauer gesagt enthüllt sie die unauflösbare Verbindung zwischen den beiden. Denn Mega treibt die technischen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung auf die Spitze, indem es ausschließlich durch den Nutzer verschlüsselte Daten transportiert. Neben dem Absender sind Empfänger nur durch die Kenntnis eines bisher nicht knackbaren Zahlenschlüssels in der Lage, die geteilten Inhalte zu decodieren. Filesharing wird damit offiziell zu einer Frage der Kryptografie. Jede Kontrolle durch die Plattform entfällt - sie ist derzeit technisch nicht praktikabel.

Zum Vorschein kommt eine Tatsache, die für die Inhalteindustrie außerordentlich schmerzhaft ist: Im Internet in seiner heutigen Form lässt sich Filesharing nicht verhindern. Das ginge nur, indem ein anderes Netz geschaffen würde. Ein Netz, in dem jedes bewegte Bit kontrolliert werden kann, also eines ohne Privatsphäre. Der Start von Mega heißt daher in der Lesart der traditionell aggressiv lobbyierenden Inhalteindustrie der USA fatalerweise: Privacy gleich Piracy. Damit glaubt eine politisch und medial große Macht spätestens seit dem 19. Januar 2013 auf die Abschaffung der digitalen Privatsphäre hinarbeiten zu müssen.

Viele von denen, für die der erste Fernseher im Dorf die Schau schlechthin war und bis Anfang des letzten Jahrzehnts noch glaubten, mit dem ganzen Computer-Schnickschnack nix zu tun haben zu wollen, fotografieren heute Katze und Frühstück mittels iPhone für Instagramm, twittern ihre wetterbedingte Gefühlslage ins Facebook und schimpfen, wenn irgendwas nicht funktioniert, wie es soll.

Die Piraten hatten genau einen Job: aus der Sicht derer, die an ZX Spectrum und Commodore 64 gelernt haben, wie man Bits durch die Gatter und Register der CPU schubst (und Interrupts verbiegt, damit die Maschine Sachen macht, die sie nicht können dürfte) darüber zu informieren, wie verdammt groß das Mißbrauchspotential ist, wenn man zuläßt, daß K.I.-Algorithmen persönliche Daten sammeln, horten, sortieren und semantisch auswerten. Sogar das Wort von der "Netzkompetenz" ging eine Weile.

Daß die Medien dabei versagt haben, Inhalte und Positionen der Piraten zu vermitteln, und stattdessen der Eitelkeit der lautstärksten "Ceterum censeo"-Schreier und Peter-Prinzip-Beweiser den Vorhang geöffnet haben, während sich die Idealisten wie immer fürs Ehrenamt anstellen, ist dabei eine ganz andere Geschichte.

Zuletzt wurde ja von der Parteispitze nochmal bekräftigt, daß es vollkommen unmöglich sei, die Basis vollständig in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Dafür, daß sie mit "Liquid Democracy" eine Alternative zu bestehenden Wahlverfahren und Top-Down-Entscheidungsprozessen ins Herz des Paternalismus stoßen wollten, ist das nicht weniger als eine Bankrotterklärung. Und deswegen geschieht es ihnen ganz recht, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, ihr Dasein als Hipstermagnet zu fristen und nur gewählt zu werden, damit man weiter für umme Blockbuster vor Kinostart, das neueste Barbiealbum, aktuelle Egoshooter-Amoklauftrainingsgames und Kinderpornos im Netz saugen kann...

Nicht weniger zumindest als den Kollegen, die ihr Versprechen, das Steuergesetz mittels Übersichtlichkeit zu demokratisieren, gebrochen haben, ihr (wenn auch aus leider unverwandten Gründen (Schadenfreude, Mißgunst und Strafe, denn an den überzeugenden Argumenten der Konkurrenz oder deren Vertrauenswürdigkeit und gewinnenden Visionen lag's bestimmt nicht)) jüngst erfolgter Einbruch in Niedersachen sehr zu gönnen ist.


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Das Geld soll also, wenn es den Waren gegenüber keine Vorteile haben darf, wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen; es soll zerfressen werden, erkranken, davonlaufen, und wenn es verendet, soll der Besitzer noch den Lohn des Abdeckers bezahlen. Dann erst werden wir sagen können, Geld und Ware ständen auf gleicher Rangstufe und wären vollkommen gleichwertige Dinge - so wie es Proudhon haben wollte.

Silvio Gesell (Die natuerliche Wirtschaftsordnung, 1949)






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