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Film und Bild
Troja
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Akareyon

Troja (verfasst: Mittwoch, 26. Mai 2004, 16:51) #

Die Mutter aller Kriege! Homer! Odysseus! Tod und Verderben, Blut und Ehre, Tragödie und Unsterblichkeit! Und?

  Brad Pitt. Damit die weibliche Begleitung auch einen Grund hat, mit in den Film zu kommen.

  Mit Begeisterung genoss ich einst vor der Premiere zu "Return Of The King" diesen Trailer, der den gewogenen Betrachter einzig mit dem Anblick von Tausenden von Schiffen - bis zum Meereshorizont - zu erschlagen vermag. Tatsächlich, für diese eine Einstellung habe ich mich gestern tatsächlich in "Troja" gewagt. Hoffte ich doch, meine Enttäuschung über die schlecht geschnittenen Schlachtszenen in "Herr der Ringe" verarbeiten zu können.

  Beginnen tut der Film nicht mit einer Karte Mittel-Erdes, sondern des östlichen Mittelmeeres. Und eigentlich war ich schon drauf und dran, wegzulaufen, als der Film mir in den ersten fünf Minuten mein mangelndes Wissen um die Ilias um die Ohren dreschen wollte. Himmel, was kann denn ich dafür, daß mir der Lehrplan der 90'er Jahre Namen wie Achilles, Menelaos, Hektor, Agamemnon, Triopas, Paris, Helena, Priamos und Briseis vorenthalten hat? In den Heldenepen meiner Zeit heißt es halt nicht mehr "Für Apollon!", sondern "Luke, ich bin dein Vater!"

  Insofern betrachtete ich den Film natürlich auch weniger als Verfilmung eines ungeliebten Gymnasial-Stoffes, sondern als fantastischen Sandalenfilm, zeitlich und stilistisch irgendwo zwischen dem steinzeitlichen "Conan" und dem römischen "Gladiator". Tatsächlich vermochten Kostüme, Frisuren und Kulissen der Eingangsszenen sehr zu überzeugen - prunkvoll, chic, aber glaubwürdig archaisch.

  Und so bewunderte ich so vor mich hin - die langen Haare und den hineingeflochtenen Schmuck der alten Herren, die Fresken im recht klobigen Mauerwerk, die grobe Weberei der Gardinen im Gemach der Helena... tja, und mit der Helena fing es dann an. Da helfen auch die von der BILD abgedruckten Aktfotos der Diane Kruger nicht, da hilft es nichtmals, zu wissen, daß die gute Frau das schönste Wesen der Erde spielen soll, im Prinzip ist man vollkommen hilflos, wenn man eine Synchronsprecherin vorgesetzt bekommt, die sich so anhört, als hätte man einer Französin direkt nach einer Zahnwurzelbehandlung noch während der Wirkzeit ihrer örtlichen Narkose zwei Tischtennisbälle in die Backen gesteckt und dann vor's Mikro gesetzt und hinterher versucht, den Akzent digital rauszumischen.

  Derweil jedoch entfaltete sich die - mittlerweile allseits bekannte - Story: Paris, Prinz Trojas, macht mit der Frau seines neuen griechischen Verbündeten Menelaos rum und lädt sie auf seine Luxusjacht auf 'ne kleine Spritztour in seine uneinnehmbaren Gemäuer ein, was seinem älteren Bruder Hektor vollkommen unannehmbar erscheint und Menelaos zur Annahme verleitet, es wäre jetzt am besten, mit seinem Bruder Agamemnon Krieg gegen Troja zu führen.

  Die Charakter werden nach und nach hervorragend ausgearbeitet. Nervig allerdings auch hier wieder: Helena. "Ich weiß gar nicht so richtig, was ich will, ich mache einfach irgendwas und zum Schluss werden zwar alle denken, daß ich doof wie Scheisse bin, aber dafür habe ich ja Titten." Genausogut hätte Paris dem Menelaos auch einfach seine Dolly-Buster-Autogrammkarte abziehen können, und die Story hätte mindestens ebensogut funktioniert. Und, verdammt, hätte nicht Orlando "Legolas" Bloom die Rolle des Paris bekommen, wäre es nicht ganz so schlimm gewesen, ihn als Mumu darzustellen. Tut mir leid, er kann nichts dafür, aber als Inbegriff der Leinwand-Schwuchtel hätte er nicht auch noch die Rolle des Betnässer-Prinzen annehmen dürfen.

  Die Dialoge aller anderen Charaktere laufen allesamt im neunten Monat bedeutungsschwanger, bleiben jedoch immer nachvollziehbar (haben also nichts mit dem Psycho-Babble des Architekten gemein). Und vielleicht hätte man sich auch den Achilles etwas vielschichtiger vorstellen können als "Ich bin ja nur hier, damit man sich auch in tausend Jahren noch an meinen Namen erinnern und sagen wird: 'Achilles hatte die dicksten Eier des ganzen Universums'". Aber okay, das entwickelt sich halt mit der Zeit.

  Highlights des Films unfraglich: die Duelle. Paris vs. Menelaos ("Und für den hast Du mich verlassen?"), ultimativ jedoch: Achilles vs. Hektor ("Heektoor! -- Heektoor! --Heektoor! ... "). Ich bin hinterher mit Duracan und Logan mal sämtliche Duelle der Filmgeschichte durchgegangen. Obi-Wan gegen Darth Vader? Null Choreographie. Pei Mai gegen die Braut? Nice, aber zuviel SloMo. Die Braut gegen Bill? Viel zu schnell vorbei. Neo gegen Morpheus, gegen Seraph? Sparring. Gegen Smith? Beeindruckend, letzten Endes aber dennoch zuviel FX und SloMo. Yoda gegen Cound Dooku? Einfach lächerlich, witzig nur an der Stelle, an der Yoda wieder seinen Krückstock rausholt. Luke Skywalker gegen Darth Vader? Auch nicht übel, aber wieder keine Choreographie. Im nachhinein gesehen gibt es nur wenige Fights, die wirklich geil waren: Darth Maul gegen Obi-Wan und Qui-Gonn sowie die Schwertkämpfe in "Hero" und "Tiger and Dragon".

  Doch jetzt haben wir Achilles gegen Hektor. Göttlich, das Duell war sein Eintrittsgeld wert.

  Fazit des Films: "Troja" ist nicht wirklich Popcorn-Kino und noch weniger ein zitierfähiger Film mit Tiefgang, es ist einfach ein wuchtiger, epischer Streifen voller Helden, grosser Schlachten (teils mit schlecht gewählter Hintergrundmusik übrigens), beeindruckender und wunderschöner Bilder und überzeugender Darsteller. Wirklich tragisch kann man ihn allerdings nicht nennen - aus irgendeinem Grunde fühlt man sich vom Tod der halbwegs liebgewonnenen Helden nicht wirklich berührt.

  Ich bestreite, daß es am Lippenstift von Brad Pitt gelegen hat.

  9/10, würde ich sagen.


antwort mit zitat

BansheeOne

(verfasst: Donnerstag, 27. Mai 2004, 12:13) #

Wie an anderer Stelle erwähnt, war ich ja am Weltpremierenwochenende von "Troja" zur Internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin. Am Samstagabend bevor wir zur Show nach Schönefeld rausgetingelt sind, bin ich mit meinem zur Zeit dort residierenden Bruder #4 gerade noch um 20 Uhr im Cinemaxx am Potsdamer Platz aufgeschlagen. Was natürlich ein Fall mangelnden Zeitmanagements war, denn da waren die ersten beiden Säle schon restlos ausverkauft, und wir haben mit Mühe noch Karten für die Vorstellung um 20.30 Uhr bekommen. Wenn man vor der vermutlich größten Innenraum-Leinwand Berlins in der zweiten Reihe sitzt, bekommt der Begriff "Monumentalfilm" eine ganz neue Dimension ...

... aber erstaunlicherweise gewöhnt man sich dran. Man muß nur öfter mal den Kopf drehen, um zu sehen, was an anderen Stellen der Leinwand passiert. Außerdem war's ein gutes Training für das In-den-Himmel-Starren am nächsten Tag ...

... und ich habe die Ilias als Kind gelesen, so daß meine Haare einigermaßen senkrecht standen. Hektor killt Menelaos? Briseïs, die im Buch eine absolute Nebenrolle spielt, killt Agamemnon? Achilles' Tod ist nicht der Grund, warum das Pferd gebaut werden muß, sondern findet erst nach der Stürmung Trojas statt ... durch Paris, der wiederum zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon tot sein müßte, aber anschließend mit Helena abhaut? Dann: "He Du da, wie ist Dein Name?" - "Aeneas." - "Kannst Du mit 'nem Schwert umgehen?" Gut, daß wir den Namen noch erwähnt haben ... auch Ajax beißt recht schnell und an falscher Stelle in den Staub. Und Kassandra haben sie einfach rausgeschnitten?

Wer seinen Homer liebt, schaut den Film also besser nicht ... was den rettet, sind die Schauspieler. Brad Pitts Nummer "Ich bin nicht wegen Dir hier, ich bin wegen mir hier" ist einfach nur geil - und die Darstellung der Hauptcharaktere ist wiederum wirklich gut getroffen. Eric Bana als Hektor, Peter O'Toole als Priamos und Sean Bean als Odysseus sind authentisch und stark (und Sean Bean tritt auch nicht im ersten Drittel des Films ab wie sonst ...). Auch Paris ist gut getroffen, abgesehen von dem schnulzigen Happy-End. Was allerdings Helena betrifft ... die kommt als ziemliche Schlampe rüber, überschminkt und hormongesteuert ... und was die Synchronisation betrifft fürchte ich, das Problem liegt darin, daß man das Frau Krüger selbst hat machen lassen ...

Agamemnon ist ein Sonderfall ... im Buch ist er auch nicht besonders sympathisch, aber da haben alle Helden ihre fiesen Momente. Hier ist er ein völlig amoralischer, machtgeiler Fiesling, der schon mal gar nicht wegen seiner treulosen Schwägerin da ist (deswegen kommt er dann wohl auch nicht mehr nach Hause, um von Gattin Klytämenästra wegen der Sache mit Töchterchen Iphigenia im Bad erdolcht zu werden ... aber das nur nebenbei). Das führt dazu, daß die Trojaner hier besser wegkommen, während im Buch beide Seiten gleich dargestellt werden, der Kriegsgrund aber natürlich die Tat des Paris ist. Das liegt aber wohl am „realistischen Ansatz" des Films, der ja völlig auf die Beteiligung der Götter verzichtet (deswegen muß halt Paris den Job von Appollon machen). Im Gegenteil wird ja der Einfluß von Religion und wirr weissagenden Priestern als katastrophal für eine rationale Entscheidungsfindung dargestellt ... und damit habe ich kein Problem.

Ich finde, die Autoren haben gut dargestellt, „wie es wirklich passiert sein könnte" ... wenn sie sich nur mit dem Schicksal der Charaktere etwas mehr Mühe gegeben hätten. Hmpf. Kommen überflüssige Sachen hinzu wie Patroklos zu Achilles' „Cousin" zu erklären (und im Original hat Achilles Patroklos seine Rüstung gegeben, aber nicht so wichtig). Habe den Verdacht gehört, daß man von vornherein die homoerotischen Interpretationen des Verhältnisses abblocken wollte. Deswegen sehen wir Achilles auch gleich als allererstes nach getaner Arbeit mit nicht nur einer, sondern zwei Schnitten (und einer generösen Portion nackter Arsch für das weibliche Publikum ... obwohl ich zugeben muß, daß Brad Pitt in Achilles-Form selbst für meine bescheidenen heterosexuellen Maßstäbe eine kaum zu ertragende Menge roher Männlichkeit ausstrahlt).

Zum Realismus will ich nicht viel sagen, da haben Alt- und Militärhistoriker ganze Ergüsse drüber geschrieben. Mir persönlich gab es zuwenig Streitwagen ... bin ziemlich sicher, daß berittene Pferde als Kampfmittel damals noch nicht in Mode waren (keine Sättel). Auf die computerverstärkten Massenschlachten und Polygonflotten, Ausgabe 247, hätte ich verzichten können, aber die Zweikämpfe waren gut. Allerdings: die Landung von Achilles' schwarzgepanzerter Myrmidonen-Spezial-Schock-Sturmtruppe (und eigentlich waren das fünfzig Schiffe zu fünfzig Mann) war reines „Saving Private Helena". „Die Durchbruchstelle für Landungsabschnitt Mykene befindet sich genau hier!" Wurde nicht sogar Achilles' Unterführer von Tom Sizemore gespielt? Dann paßt's ja ...

Also, trotz des Gemetzels (an Homer) ist's die Sache wert. Schon wegen des hundertfachen Geräuschs von an die Stirn klatschenden Händen bei Sätzen wie: „Hey, ich habe das Mädchen nicht angerührt!" - „Wo ist sie?" - „Ich habe sie den Soldaten gegeben."

Oh ja, und die Musik war Scheiße. Und warum sitzen in jedem Film die gestörten Plapperer immer neben mir?


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