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Umberto Eco: La ricerca della lingua perfetta nella cultura
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Akareyon

Umberto Eco: La ricerca della lingua perfetta nella cultura (verfasst: Montag, 26. Dezember 2011, 1:45) #


… Das für die Zukunft einer Sprache der Bilder entmutigendste Dokument ist vielleicht der 1984 von Thomas A. Sebeok verfaßte Bericht für das amerikanische Office of Nuclear Waste Isolation und eine Reihe weiterer Institutionen, die beauftragt waren, Vorschläge zur Lösung eines Problems zu machen, das von der U. S. Nuclear Regulatory Commussion aufgeworfen worden war. Die amerikanische Regierung hatte einige Wüstenzonen der Vereinigten Staaten ausgewählt, um darin (in vielen Hundert Metern Tiefe) nuklearen Abfall zu begraben. Das Problem war nicht so sehr, die Zone vor unbedachtem Eindringen heute zu schützen, sondern die Tatsache, daß die Abfälle noch in zehntausend Jahren radioaktiv sein werden. Große Reiche und blühende Zivilisationen sind in weit kürzeren Zeiträumen untergegangen, wir haben gesehen, daß einige Jahrhunderte nach dem Ende der letzten Pharaonen die ägyptischen Hieroglyphen unverständlich geworden waren, und es könnte sein, daß die Erde in zehntausend Jahren so große Umwälzungen erlitten hat, daß sie von Populationen bewohnt wird, die wieder barbarisch geworden sind, und nicht nur das, sie könnte sogar von Bewohnern anderer Planeten besucht werden. Wie kann man nun diesen Besuchern aus dem All mitteilen, daß die betreffende Zone gefährlich ist?

Sebeok hat sofort jede Form von verbaler Kommunikation ausgeschlossen, desgleichen elektrische Zeichen, da sie von konstanter Energiezufuhr abhängig wären, Geruchsbotschaften, da sie von kurzer Dauer sind, sowie jede Form von Ideogrammen, die nur aufgrund präziser Übereinkunft erkennbar sind. Aber auch die piktographischen Sprachen geben Anlaß zu ernsten Zweifeln. Man kann zwar der Meinung sein, daß jedes Volk einige elementare Figuren versteht (die menschliche Gestalt, Tierskizzen etc.), aber Sebeok präsentiert ein Bild, bei dem unmöglich zu entscheiden ist, ob die dargestellten Individuen kämpfen, tanzen, jagen oder sonst irgendeine erkennbare Tätigkeit verrichten.

Eine Lösung wäre, Zeitabschnitte von jeweils drei Generationen festzulegen (ausgehend von der Überlegung, daß sich die Sprache in jeder beliebigen Zivilisation vom Großvater zum Enkel nicht wesentlich ändert) und durch entsprechende Instruktionen dafür sorgen, daß die Warnungen am Ende jedes Abschnitts neuformuliert werden, um sie den semiotischen Konventionen der Zeit anzupassen. Aber diese Lösung setzt genau jene soziale und territoriale Kontinuität voraus, die der Auftrag in Frage stellte. Eine andere Lösung wäre, die Gefahrenzone mit Warnbotschaften aller Art, in jeder Sprache und jedem semiotischen System zu überhäufen, in der Hoffnung auf die statistische Möglichkeit, daß wenigstens eines dieser Systeme den künftigen Besuchern verständlich bleibt: Wenn auch nur ein einziges Segment einer einzigen Botschaft entzifferbar bliebe, würde die Redundanz des Ganzen für die künftigen Besucher eine Art Stein von Rosette darstellen. Auch diese Lösung setzt freilich ein Minimum an kultureller Kontinuität voraus.

Bliebe also nur, eine Art Priesterkaste zu instituieren, gebildet aus Atomwissenschaftlern, Anthropologen, Linguisten, Psychologen, die sich durch Kooptation über die Jahrhunderte fortpflanzt und die Kenntnis der Gefahr am Leben hält, indem sie Mythen, Legenden und Aberglauben kreiert. Mit der Zeit würden sich die Angehörigen dieser Kaste verpflichtet fühlen, etwas weiterzugeben, dessen exakte Kenntnis sie verloren haben, und so könnten in ferner Zukunft, auch in einer wieder barbarisch gewordenen Horde, unpräzise, aber wirksame Tabus fortbestehen.
(Eco, Umberto: Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München : Beck, 1994 (Europa bauen), S. 186 f, aus dem Ital. von Burkhart Kroeber)

Und ich so beim letzten Absatz: *grübel*, weißte...

Nein, es ging mir nicht um aktuelles Zeitgeschehen, Castor und Fukushima und die Probleme, die wir uns da eingehandelt haben, ohne zu wissen, wie wir sie lösen sollen. Das ist alles hinlänglich bekannt.
Aber der sich aufdrängende Gedanke, auch die in unserer Gesellschaft bestehenden Denkverbote, Tabus und Dogmen könnten einem fehlinterpretierten und von einer "Priesterklasse" tradierten Schutzmechanismus einer vorgeschichtlichen Zivilisation verschuldet sein, hat was prickelndes.
Ganz ähnlich werden zuweilen ja auch die für viele Gesellschaften im Nahen Osten gültigen, religiösen Verzehrverbote für "unreine" Tiere oder die mosaischen Hygienegesetze gedeutet. Damals, als die Klospülung noch nicht erfunden war, hat man den Leuten halt noch sagen müssen, daß sie ihre Hinterlassenschaften bitteschön vergraben möchten, weil sie sonst der Blitzschlag trifft.

Aber vom einführenden Zitat mal abgesehen ist "Die Suche nach der vollkommenen Sprache" auch sonst ein sehr empfehlenswertes und hochinteressantes Buch. Wer "Der Name der Rose" mochte und auch "Das Foucaultsche Pendel" nicht zur Seite packen konnte, dem wird auch dieses Sachbuch ein bisschen wie ein sich über die Jahrhunderte erstreckender, unterhaltsamer Roman vorkommen, an dessen Ende man sich irgendwie erhellt vorkommt, ohne belehrt worden zu sein.

Ausgehend vom Mythos der babylonischen Sprachverwirrung nämlich haben sich viele Philosophen und Spinner auf die Suche nach der "perfekten Sprache" gemacht, in der Gott sich mit Adam unterhalten hat. Oder Adam mit Eva. Oder die Schlange mit Eva. Oder Kain mit Abel.

Im Mittelalter freilich kam nur das Hebräische in Frage, und das zu beweisen, mühten sich viele Weise in bester kabbalistischer Tradition mit der Anagrammisierung und Permutation von Wörtern und Buchstaben ab. Das Latein als Verkehrssprache der Intellektuellen und Mächtigen jener Zeit lag auch recht nahe, und bald, so zeigt Eco, mangelte es auch nicht an Beweisen für die Überlegenheit/Natürlichkeit/Gottgegebenheit des Deutschen, des Flämischen, des Englischen, des Arabischen...

Wir erfahren, was es mit den Lullismus auf sich hat(te) und was dergleichen noch an Versuchen unternommen wurde, eine künstliche, ein-eindeutige, philosophische Sprache zu entwickeln oder aus den existierenden auf eine gemeinsame Ursprache zu extrapolieren. Nicht ohne Humor seziert Eco die bestgemeinten Bemühungen und ihre inneren Widersprüche, Irrtümer und zuweilen gar Geistesblitze, die hier wieder in Vergessenheit geraten, verlacht und bekämpft werden, dort dann Jahrzehnte und Jahrhunderte später wieder aufgegriffen werden und gar nicht so selten zu Grundpfeilern der modernen Sprachwissenschaft werden - siehe Noam Chomskys Universalgrammatik.

Das alles ist natürlich furchtbar unterhaltsam aus hobbyphilosophischer Sicht auch und insbesondere, wenn die Lektüre von "Das Foucaultsche Pendel" einen mal von den bösesten und wirrsten Verschwörungstheorien geheilt hat, kann es sehr interessant sein, die Entwicklung der europäischen Geschichte mal aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu beobachten und Eco beim Nachzeichnen der verschiedenen  Strömungen (und ihrer Irrläufer) zu verfolgen.

Schließlich, wir haben Renaissance und Barock schon hinter uns, stellt Eco uns noch Volapük, Esperanto, Lincos, Programmiersprachen und Aymara vor und kommt auf den letzten Seiten mit Bezug auf den spanisch-arabischen Theologen Ibn Hazm zu einem äußerst überraschenden Schluß: daß die durch den blasphemischen Versuch des babelschen Turmbaus verursachte Sprachverwirrung eben nicht als mit allen Mitteln umzukehrender Fluch, sondern vielmehr als felix culpa zu betrachten sei - die Ursprache habe alle Sprachen bereits enthalten, und da Sprache und  Denken miteinander wechselwirken, bereichert jede Sprache die Welt um eine andere Perspektive ein und der selben Realität; und ich glaube, einen poetischeren Schluß hätte man sich für so ein spannendes Sachbuch kaum ausdenken können.


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Everything in our age has, when carefully examined, this fundamentally undemocratic quality. In religion and morals we should admit, in the abstract, that the sins of the educated classes were as great as, or perhaps greater than, the sins of the poor and ignorant. But in practice the great difference between the mediaeval ethics and ours is that ours concentrate attention on the sins which are the sins of the ignorant, and practically deny that the sins which are the sins of the educated are sins at all. We are always talking about the sin of intemperate drinking, because it is quite obvious that the poor have it more than the rich. But we are always denying that there is any such thing as the sin of pride, because it would be quite obvious that the rich have it more than the poor. We are always ready to make a saint or prophet of the educated man who goes into cottages to give a little kindly advice to the uneducated. But the medieval idea of a saint or prophet was something quite different. The mediaeval saint or prophet was an uneducated man who walked into grand houses to give a little kindly advice to the educated.

Gilbert Keith Chesterton (Heretics, XIX)






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