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Die BamS braucht keine blinden Leser!
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Akareyon

Die BamS braucht keine blinden Leser! (verfasst: Dienstag, 13. Januar 2004, 1:41) #

In der Ausgabe der BILD am SONNTAG vom 11. Januar 2004 antwortete Chefredakteur Claus Strunz in seiner Lieblingsrubrik (weil dort auch immer sein Grinsegesicht abgedruckt wird) "Der Chefredakteur antwortet" auf eine besondere Frage.

  Die Frage stammte vom 34jährigen Maik Radelow aus Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern. Dieser ist blind und hat "durch Bekannte [...] erfahren, wie informativ, spannend und unterhaltsam die BILD am SONNTAG jedes Mal ist." Daher interessiere er sich auch für die BamS und deswegen stellt er folgende Frage: "Besteht die Möglichkeit, dass man die BILD am SONNTAG auch blinden Lesern zugänglich machen kann - ob nun in Blindenschrift oder auf Hör-CD?"

  Die Antwort von Herrn Claus "The Untouchable" Strunz fiel ernüchternd aus - er fände toll, daß Maiks Bekannte ihm nur gutes über die BamS erzählten, schreibt er, und es ehre ihn, damit sein Interesse geweckt zu haben - doch leider sei die Antwort "Nein".

  Die Übersetzung der BamS in Braille sei erstens zu kostenintensiv, zweitens sei das Blatt "eine betont optisch ausgerichtete Zeitung", drittens seien Fotos nicht in Blindenschrift übertragbar.

  Weiter schreibt er: "Eine Hör-CD von BamS zu machen ist ebenfalls ein sehr interessanter Vorschlag. Doch wir sind eine aktuelle Zeitung. Und ehe eine Hör-CD produziert und ausgeliefert ist, wäre diese längst inaktuell. Leider kann ich Ihnen keine postivere Antwort geben. Ich hoffe dennoch, dass Sie uns gewogen bleiben und Ihre Bekannten Ihnen aus der BILD am SONNTAG die interessantesten Geschichten erzählen."

  MfG undsoweiter.

  Nun, man könnte jetzt nicken und sagen: ja, da hat er recht, der Herr Strunz, schade eigentlich. Vielleicht hat der 34jährige Maik Radelow aus Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern das auch gemacht.

  Aber irgendwie hörte sich das alles so... gekünstelt an. Eine krampfhaft diplomatische Absage gewissermaßen. So, wie eine schöne Frau ihrem abgrundtief häßlichem Verehrer in der Disco zu vermitteln versucht, sie lebe schon seit mindestens drei Jahren in einer glücklichen Beziehung - nur, um den armen Gesichtseintopf nicht zu kränken.

  Nun könnte man mit diesem Gedanken, wenn man bösartig wäre, die Antwort auch anders lesen. So zum Beispiel:

  "Lieber Herr Radelow,

   Sie kommen ja auf witzige Ideen. Eine Zeitung für Blinde, haha. Sehen Sie es mal so - demnächst kommt einer und will 'nen Kamm ohne Zinken für Glatzköpfe. Oder eine E-Gitarre für Einarmige. Nun, ein Land, in dem man einem Daniel Küblböck ein Mikrophon in die Hand gibt, scheint für derartige Geistesblitze fruchtbarer Nährboden zu sein.

  Wissen Sie was? Sie gehören nicht zu unserer Zielgruppe, lecken Sie uns also bitte mal gepflegt am Arsch, Sie Krüppel. Wir können Ihr Hirn nicht mit lauter bunten Bildchen, strategisch-psychologisch aus dem Zusammenhang gerissenen Promi-Fotos, überflüssigen Fettschrift-Passagen, nackten Titten und sonstigem Optik-Overkill an die Wand tackern. Und außerdem haben Sie gar keine Lobby, eine Sonderausgabe für Sehbehinderte würde unsere Gewinnspanne nur minimal vergrößern (wenn überhaupt), der ökonomische Nutzen für uns wäre gleich Null und wir sehen gar nicht ein, irgendetwas zu tun, was uns nicht in Form mindestens sechsstelliger Euro-Beträge zugute kommt. Drittens könnten wir uns dann ja unsere vielen schönen Werbeeinnahmen an die Backe kleben. Sehen Sie es ein, wir brauchen Sie einfach nicht.

  Natürlich haben wir schon davon gehört, daß selbst nicht-gewinnorientierte und total verwirrte Organisationen wie beispielsweise die Zeugen Jehovas ihre halbmonatlich erscheinenden Publikationen in mehreren Sprachen sowohl auf Kassette als auch in Braille veröffentlichen.

  Und allgemein könnten wir unsere Geschichtchen und Glossen auf unserer Homepage nach den Richtlinien der für die USA geltenden bzw. vom W3C-Konsortium vorgeschlagenen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) oder der Section 508 gestalten oder die Anforderungen der deutschen Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung (BITV) erfüllen - indem wir einfach mal unsere zahlreichen Image-Tags mit dem alt-Attribut versehen oder eine zweite, blindenfreundlichere Version zur Verfügung stellen. Tun wir aber nicht, obwohl der Mehraufwand minimal wäre, ätsch. Schließlich klicken Sie ja nicht auf all die lustigen, animierten Werbe-GIFs, und wir brauchen keine Leser, sondern Konsumenten. Und auch eine entsprechende textbasierte, mit üblichen text2speech-Programmen (wie Connect Outloud, Webformator, Home Page Reader, C-Lab, Lynx oder Das Ohr am Internet) kompatible CD, welche vergleichsweise schnell und kostengünstig und mithilfe von radiospotähnlicher Unterstützung durch Sponsoren hergestellt werden könnte, ziehen wir nicht in Betracht, weil sich das für die paar Hansels nicht lohnt - geschweige denn ermutigen wir in unserer Antwort an Sie auch andere Sehbehinderte dazu, sich einen Computer anzuschaffen und sich nebenbei mit diesem informativen, spannenden und unterhaltsamen Medium Internet zu beschäftigen. Schließlich sind wir nicht die Samariter, sondern die BILD am SONNTAG, und die kümmert sich um ihre Auflagen und nicht um Randgruppen und so'n Scheiß.

  Ich hoffe aber dennoch, dass Sie uns gewogen bleiben, und deswegen haben wir einen tollen Vorschlag für Sie: das Geld, das Sie trotz der Gesundheitsreform nicht für Sehtests ausgeben müssen, können Sie ja in einen Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfänger investieren, der Ihnen allwöchentlich aus unserem sensationslüsternen Blatt vorliest. So tun sie noch was für die Wirtschaft (und unsere Auflage, haha).

  Und jetzt verpissen Sie sich gefälligst."

  MfG undsoweiter.

  Ja, so könnte man die Antwort lesen, wenn man wollte. Wenn man bösartig wäre. Aber das sind wir ja alle nicht.





  Wichtiger Nachtrag: auch diese Website entspricht nicht o.g. Kriterien des Barrierefreien Zugriffs auf das Internet. Erstens ist sie privat und zweitens wird sich das sicher bald ändern.


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Nehmen wir an, daß eine kleine monochromatische Lichtquelle Licht ausstrahlt auf einen schwarzen Schirm, der zwei kleine Löcher hat. Die Durchmesser der Löcher brauchen nicht viel größer zu sein als die Wellenlänge des Lichtes, aber ihr Abstand soll erheblich größer sein. In einigem Abstand hinter dem Schirm soll eine photographische Platte das ankommende Licht auffangen. Wenn man dieses Experiment in den Begriffen des Wellenbildes beschreibt, so sagt man, daß die Primärwelle durch beide Löcher dringt. Es wird also zwei sekundäre Kugelwellen geben, die von den Löchern ihren Ausgang nehmen und die miteinander interferieren. Die Interferenz wird ein Muster stärkerer und schwächerer Intensitäten, die sogenannten Interferenzstreifen, auf der photographischen Platte hervorbringen. Die Schwärzung der photographischen Platte ist im Quantenprozeß ein chemischer Vorgang, der durch einzelne Lichtquanten hervorgerufen wird. Daher muß man das Experiment auch in der Lichtquantenvorstellung beschreiben können. Wenn es nun erlaubt wäre, darüber zu sprechen, was dem einzelnen Lichtquant zwischen seiner Emission von der Lichtquelle und seiner Absorption in der photographischen Platte passiert, so könnte man in derfolgenden Weise argumentieren. Das einzelne Lichtquant kann entweder durch das erste oder durch das zweite Loch gehen. Wenn es durch das erste Loch geht und dort gestreut wird, so ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß es später an einem bestimmten Punkt der photographischen Platte absorbiert wird, davon unabhängig, ob das zweite Loch geschlossen oder offen ist. Die Wahrscheinlichkeitsverteilung auf der Platte muß die gleiche sein, als wenn nur das erste Loch offen wäre. Wenn man das Experiment viele Male wiederholt und alle die Fälle zusammenfaßt, in denen das Lichtquant durch das erste Loch gegangen ist, so sollte die Schwärzung der photographischen Platte dieser Wahrscheinlichkeitsverteilung entsprechen. Wenn man nur die Lichtquanten betrachtet, die durch das zweite Loch gegangen sind, so sollte die Schwärzungsverteilung jener entsprechen, die man aus der Annahme enthält, daß nur das zweite Loch offen war. Die Gesamtschwärzung sollte also genau die Summe der Schwärzungen in beiden Fällen sein; in anderen Worten, es sollte keine Interferenzstreifen geben. Aber wir wissen, daß dies falsch ist, und das Experiment wird zweifellos die Interferenzstreifen zeigen. Daraus erkennt man, daß die Aussage, das Lichtquant müsse entweder durch das eine oder durch das andere Loch gegangen sein, problematisch ist und zu Widersprüchen führt. Man erkennt an diesem Beispiel deutlich, daß der Begriff der Wahrscheinlichkeitsfunktion nicht eine raum-zeitliche Beschreibung dessen erlaubt, was zwischen zwei Beobachtungen geschieht. Jeder Versuch, eine solche Beschreibung zu finden, würde zu Widersprüchen führen. Dies bedeutet, daß schon der Begriff 'Geschehen' auf die Beobachtung beschränkt werden muß. Das ist allerdings ein sehr merkwürdiges Resultat, das zu zeigen scheint, daß die Beobachtungen eine entscheidende Rolle bei dem Vorgang spielt und daß die Wirklichkeit verschieden ist, je nachdem, ob wir sie beobachten oder nicht.

Werner Heisenberg (Physik und Philosophie, Frankfurt 1973, S. 34 f.)






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